Samstag, 13. Juli 2024

In Flammen am Freitag

Ralf hatte gestern sein Handy verloren. Er wühlte alles durch, fragte alle Leute und lief alle möglichen Wege nochmal ab, aber das Handy tauchte nicht auf. Im Fundbüro an der Froschkotze-Bar hatten sie ein Handy abgegeben gehabt, aber das war dann nicht dem Ralf seins. Nun konnte Ralf nicht mehr surfen, niemanden mehr anrufen, keine Nummern und Kontakte mehr speichern, keine Bilder mehr machen und alle Bilder vom Rock Harz, die er bis jetzt gemacht hatte, waren dazu auch noch weg. Ralf war stinksauer.

Ich war gegen Mittag grad noch beim Frühstücken, da zog eine üble Wetterfront auf, und es wurde richtig dunkel, dass man sogar im Auto schon Licht anmachen musste. Gleich drauf kam ein fetter Wolkenbruch und es schüttete wie aus Eimern. Von der Bühne hörte man nichts mehr, das Konzert war unterbrochen worden, und alle Leute rannten den Weg hinunter. Ihre Autos erreichten sie aber nicht mehr, und so hatten sich unter unserem Pavillon, der relativ nah am Infield stand, ein paar Kerle untergestellt - unter anderem der Ralf, der trotz des kurzen Wegs bis auf die Haut durchnässt war.

Wenn jetzt sein verlorenes Handy noch irgendwo im Gras gelegen hätte, dann war es spätestens jetzt komplett kaputt.

Allerlei Teile und mehrere Pavillons hatte es über das Naturschutzgebiet verteilt. Unserer stand noch, weil ihn die Leute, die sich drunter verkrochen hatten, festhielten.

Man hätte nicht meinen sollen, dass es wieder mal zu schütten aufhörte, aber doch kam die Sonne wieder raus und ich lüftete gleich durch, riss alle Fenster auf, den es war im Auto noch immer drückend schwül.

"Eine Currywurst mit Pommes, bitte" bestellte der Harry, als die Klappe aufgegangen war. Harry und Mareike waren vor dem Naglfar aufgetaucht, und so unterhielten wir uns am offenen Fenster wie in alten Zeiten: "Frau Nachbarin, haben Sie schon gehört...?" Was gab es zu tratschen? ...ja, dass hinten am Waldrand in ein paar Zelte eingebrochen worden war und Sachen durchwühlt worden waren und offenbar ein paar Bereicherer mit Eigentumsübertragungshintergrund nach Wertsachen und Autoschlüsseln gesucht hatten, um dann auch Autos zu durchwühlen nach Geld oder Kreditkarten. Wie erfolgreich sie gewesen waren, war nicht bekannt. Allemal freuten wir uns alle, dass wir so weit vorne standen, denn hier liefen ständig Leute vorbei, und das ist für Einbrecher und Diebe dann doch recht unattraktiv. Zumal hüpfte um das Nachbarwohnmobil andauernd so ein kleines, weißes Büschel herum und machte gelegentlich "wau", also hätte es zumindest riesiges Gebell gehagelt, wenn sich hier jemand zu schaffen gemacht hätte.

Das Wetter war tatsächlich wieder schön geworden und so ging ich dann mal vor zur Bühne und gab mir ein musikalisches Frühstück: Ondfodt aus Finnland. Die hörten sich echt gut an!

Später mischten sie sich dann unter das Publikum und genossen den Rest des Festivals als Zuschauer.

Es gibt Leute, die basteln sich ihre Wohnmobile einfach selber . Na gut, also den Holzaufbau zu zimmern würde ich mir auch noch zutrauen, aber wie kriegt man das Teil dann auf ein Auto, wie fährt sich das, und wie (un)praktisch ist das denn? Es hatte auch nicht mal ein Fenster, und ich vermute ja, es ist "nur" eine Sauna, die der Handwerker vor dem Ausliefern zum Kunden selber ein wenig zweckentfremdet .

Die Zeltbühne hatte nun aufgemacht und nun gab es keine Umbaupausen mehr, sondern nonstop auf die Ohren.

Ich trieb mich aber meistens vor der Hauptbühne herum. Man darf sich ja ins Koma saufen, so dass man am nächsten Morgen nicht mal mehr fähig ist, sich die Schuhe richtig rum anzuziehen. Man muss sich dann bloß zu helfen wissen .

Man kann es auch machen wie ein LKW: Wenn ein Reifen platzt, fährt man einfach weiter bis sich die zerschlissenen Teile von den Felgen abgefahren haben.

Auf der Hauptbühne spielte nun eine echt geile Band, Alfahanne. Die gefielen mir richtig gut, aber als ich zum Merch ging und eine CD kaufen wollte, gab es dort nur Schallplatten .

Diesen Schallplatten-Tick verstehe ich nicht: Schallplatten sind groß, unhandlich, empfindlich, und mir zerschmilzt bei dieser schrecklich globalen Klimaerhitzung und fürchterlichen Dürre-Katastrophe ja schon oft die Schokolade im Auto. Die zusammengeschmolzene Schokolade kann man dann wenigstens noch im Stück essen, aber mir zerschmolz auch mal 1975 im Auto meiner Mama eine Beatles-Single, die ich mir damals von meinem Taschengeld gekauft hatte, und die passte dann nicht mehr auf meinen kleinen Plattenspieler drauf . Da war also auch damals schon der grauenhafte Klimawandel im Gange und zerstörte Schokolade und Schallplatten, welch eine Katastrophe! Ich bin davon so traumatisiert, dass ich mir noch heute keine Schallplatten mehr kaufen mag .

Dann wollte ich doch auch mal das Inflamm'sche Nationalgetränk hier probieren: Froschkotze. Es besteht aus einem Becher Milch mit einem Stamperle Pfeffi. Nun mag ich ja den Pfeffi schon eh nicht so, aber auch noch in Verbindung mit Milch? Es kostete nur 3 €, einen Test war es also wert, aber - ehrlich - das kannste nicht trinken *würg*. Das trägt seinen Namen ganz zurecht! Und wenn es dann seinem Namen auch noch alle Ehre macht, man zu viel davon hat und man müsste davon auch noch reihern...? Wuuuääh!

Dem nächstbesten Typen bot ich es an: "Schmeckt mir nicht, magste das?" Aber der wollte es nicht mal geschenkt, und auch der Nächste lehnte dankend ab. An einem Tisch mit ein paar Leuten sah ich schon ein paar solcher leeren Becher stehen, aber die Leute sagten dann, sie seien froh, dass sie ihres unten haben, nee danke, kein weiteres, bitte. Da stellte ich den vollen Becher irgendwo auf einen Tisch, vielleicht mags ja jemand mitnehmen?

Nun hatten auf der Zeltbühne die Band Total Hate ihren Auftritt. Es wurde gemunkelt, die seien aus Nürnberg. Allein schon deswegen wollte ich die unbedingt sehen.

Dazu noch ein Tipp am Rande an alle rücksichtslosen @Arschlöcher, merkt euch:
Wenn ihr nicht fotografieren wollt, dann müsst ihr euch auch nicht direkt vor die Bühne stellen und einem ununterbrochen vor der Kamera rumtanzen. Wir wollen nämlich nicht eure dämlichen Hackfressen auf dem Bild haben, sondern die Band! Wenn ihr also weder ein Instrument oder ein Mikro, noch eine Kamera oder ein Handy in der Hand habt, dann verpisst euch nach hinten - wenigstens für die ersten 2 Songs! Geht das rein in euren dämlichen Poser-Schädel? Dann schreibste jetzt noch 10 x "ich bin überhaupt nicht wichtig und niemand will mich sehen", und dann haben wir's vielleicht kapiert, dass man nicht allein auf der Welt ist.

Drum gibt's jetzt von Total Hate leider nur Pics, wo die Beine abgeschnitten sind, damit man diesen albern rumhupfenden Deppen davor nicht sieht. Schade, weil der Sänger hatte ein großes Kruzifix up-side-down am Gürtel hängen, das sah überaus stylisch aus, und die Band machte insgesamt echt gut was her.

Ralf knüpfte vor der Bühne viele neue Kontakte, konnte sie aber leider nicht abspeichern, weil sein Handy immer noch nicht aufgetaucht war. "Wer hat schon nen Zettel und Stift dabei?" schimpfte er. Naja, vielleicht jemand, der schon 2 Tage lang sein Handy verloren hat? Könnte es am Y-Chromosom liegen, dass die Lösung stets bei den anderen gesucht wird und man sich nicht zuerst mal selber behilft? Keine Arme, keine Kekse - keinen Zettel, keine Kontakte .


Ich komme langsam in Urlaubsstimmung, wozu gehört, dass ich nicht schon um 22 Uhr platt bin, sondern jetzt schon bis zum Headliner durchhalte: Napalm Death! Mensch, die waren einfach klasse! Pure Energie seit Jahrzehnten und immer noch full power!

Seit Jahrzehnten rufen dort die Zuschauer auch dieselben Parolen. Früher hatte ich ja auch immer lauthals mitgebrüllt, aber nach all der Zeit bin ich nun doch eher in der Lebensphase angelangt, wo ich die Dinge auch mal hinterfrage, zum Beispiel: Was bedeutet eigentlich "alerta, alerta, antifascista" ? Es war auch nur noch eine Handvoll Leute im Publikum ganz vorne, die das riefen, aber es würde mich nicht wundern, wenn davon höchstens die Hälfte auch die Antwort wüssten . Und wer von ihnen hätte in dieser Zeit und diesem Ort dazu auch eine vernünftige Interpretation?

Wir hatten Glück, Petrus ist ein Napalm Death-Fan, denn es blieb trocken bis der Aufritt vorbei war. Erst als ich danach dann im Auto war, fing es an zu tröpfeln. Nun traten zum Ausklang noch "Shape of Despair" auf, aber die spielten mehr ruhige, langsame Doom-Balladen, und das passte so richtig schön zum Einschlafen. Es gibt Momente, in denen ich einfach durchwegs zufrieden bin .

Freitag, 12. Juli 2024

In Flammen am Donnerstag

Ich war nochmal beim Kaufland vorne gewesen und hatte Lebensmittel- und Bier-Nachschub geholt, denn wir hatten ja die ganze Zeit nix anderes zu tun als zu fressen und zu saufen (wenn ich zuhause bin, wird dann wieder Diät gemacht ). Zu dem Zweck hatte ich das Wägelchen mit einer Schnur einfach an das Fahrrad hingebunden. Das Gespann funzte einwandfrei

Aber sooo fett bin ich auch noch nicht, und mein Stuhl bricht noch nicht zusammen, wenn ich mich reinsetz - anders beim Ralf. Dem Ralf gelang es dann zwar, den Stuhl zu reparieren, aber das hielt nicht lange: gleich brachen auch die Stangen. Hmmm, was sagt uns das? ...na, dass der Stuhl alt war, eh wahrscheinlich schon vorher nen Treffer hatte, die Qualität von solchen Stühlen unter aller Sau ist und letztendlich bei solcher Hitze- und Klimakatastrophe nicht nur die Eisenbahnschienen, sondern natürlich auch die Stangen von Campingstühlen weich schmelzen.

An der Bühne waren sie noch fleißig am Arbeiten.

Die Schafe trotteten noch chillig nebenan auf der Weide.

Alles war noch so friedlich. Es bimmelte vor unserem Camp: Der Eismann war da! Mit seinem kleinen Eis-Auto fuhr er über den Campground und ich holte mir gleich ein Eis. Bestes Eis, ever!

Dann hörte man schon erste Sound-Checks von der Bühne und so ging ich mal vor. Der Merch-Stand hatte schon offen, und ich schlug gleich zu und kaufte mir auch sofort ein Ticket für's nächste Jahr.

Dann ging's los! Der Opener hieß Teratoma, und die gefielen mir gleich richtig gut. Ich hatte ja jetzt 4 Tage lang nur Ruhe, Vogelgezwitscher und Bienchengesumme - Mensch, davon kriegste ja noch nen Tinnitus ! - und brauchte endlich mal wieder was auf die Ohren.

Das war nun die Stunde null da drüben am Stino-Campingplatz. Nun standen die wahrscheinlich senkrecht in ihren Liegestühlen . Bestimmt liefen schon die Ersten zum Platzwart und beschwerten sich über die Ruhestörung und wie lange diese denn noch dauern würde.

Dann sagte der bestimmt, dass er das leider auch nicht wüsste, weil es waren wegen eines Konzerts hier nirgendwo Plakate aufgehängt worden (hee, das war doch der Plan, oder, das ist doch eine Black-Metal-Verschwörung, oder!?). Wo kommt denn nur der Krach her?

Ein paar Mutige hatten sich auf ihre Fahrräder gesetzt, um die Lage zu erkunden. Das ist ja hier das Geile: Das Gelände ist nicht einmal richtig umzäunt und allerlei Anwohner oder Hundegassigeher stehen dann auf einmal auch da und gucken - allerdings selten länger als ein paar Minuten .

Als zweite Band standen Kilatus auf der Bühne.

Danach kamen Pentagram, die gefielen mir wieder richtig gut, fast CD-kauf-würdig - aber eben nur fast. Ich hüpfte allenfalls gut rum und moshte mir einen ab, und jetzt habe ich aufgrund dieser sportlichen Betätigung wieder ein gutes Gewissen und kann entspannt die nächsten zwei Tafeln Schokolade reinfuttern .

Zuerst aber gab ich mir einen exklusiven Kaffee. Da stand nämlich so ein richtig geiles Kaffee-Wägelchen mit allerlei Sorten Latte Macchiato.


Wir sind hier auf der "hellish garden-party" und da wachsen auch außergewöhnliche Bäume. Hier sehen wir den Bierdosen-Baum im vollen Fruchtstand. Allerdings wurde er wohl von Parasiten befallen, denn ein Viertel der Früchte sehen schon ganz runzelig aus .

Nach Pentagram spielten Gruesome.

Harry hatte mir schon angekündigt, dass Sabbath, die danach kamen, nicht gut sein sollten, aber musikalisch fand ich sie jetzt doch recht hörbar.

Show-technisch war's aber grenzwertig. Sie hatten nicht nur das kleinste Banner, das ich je gesehen hab (nur eine Flagge), sondern auch die kleinsten Klamotten. Der doch schon etwas betagte Bassist war nur mit einem Gürtel und so einem S/M-Ledergeschirr um den Arsch bekleidet und streckte auch ständig seinen Bobbers in Position. Naja. Zum Glück war er nicht sonderlich behaart und wenigstens schlank.

Das am Donnerstag war erst mal nur die Warm-up-Party und drum spielten die Bands auch nur bis 22:30 Uhr. Danach gabs zwar vorne noch Gelage und Gesaufe, aber ich ging lieber mal zum Naglfar und legte mich ab, weil mich baggerte da vorn so ein Kerl an, der mir von seinem gemütlichen Hotelzimmer erzählte. Nö, also nach dem naggerten Bobbers auf der Bühne waren mir nun sämtliche erotischen Gedanken für die nächsten zwei Wochen vergangen. Ich guckte lieber, dass ich weg kam.