Es war sehr schön in Nebra gewesen, wundervoll idyllisch, so friedlich, eine herrliche Natur, aber in der Nacht hatte es weiter geregnet und am Morgen war es wolkig und sah weiterhin nach Regen aus. Was soll ich noch da, denn außer die Ausstellung besuchen konnte man hier nur noch wandern, aber nicht bei so einem Wetter . Noch bevor um 10 Uhr mein Parkzettel ablief, startete ich.
Mein neues Ziel war Halle/Saale und das vorgeschichtliche Museum, wo die echte Himmelsscheibe ausgestellt sein soll, gar nicht weit weg von hier, ca. 40 km.
Ich fuhr nicht über die zarte, marode Brücke, um das Schicksal mit Naglfars Schwergewicht nicht herauszufordern, sondern durch die Wohnsiedlung. Raus kam ich an einer Hauptstraße mit einer Tankstelle und guck an, das Diesel lag bei 1,90 €! Das war ja echt günstig im Vergleich zu den letzten Wochen. Also fuhr ich gleich rein und "stillte" das Naglfar, das seinen tschechischen Tank schon fast wieder versoffen hatte. Die Tankstelle hatte Untermieter, denn am Dach waren mehrere Schwalbennester gebaut worden.
Ich hatte mir 3 Adressen in Halle aus Google Maps notiert, wo ich mich hinstellen könnte, darunter der Stellplatz am Kleingartenverein, aber als ich hinkam, war dort nur für Kleingärtner zugelassen und unberechtigte Fahrzeuge sollten abgeschleppt werden. Da fuhr ich weiter und landete schließlich auf diesem Platz, sehr in Stadtnähe, an der Fahrstraße. Es stand schon in Google Maps, dass man Keile benötigte, aber ich hatte ja welche dabei und so stellte ich mich zwischen die beiden Vans, die hier schon parkten.
Als ich mich eingerichtet hatte und mein Shake mixte, bemerkte ich etwas krabbeln .
Jetzt hat doch so ein Wohnmobil nur vier Räder, die alle bis zum Boden reichen, aber sonst hat doch nix dran Bodenkontakt? An den paar Zentimeter eines Rades hatten sie sich hochgearbeitet, waren bis zur Achse gekrabbelt und aus dem Fahrzeugunterbau vorbei an defekter Standheizung waren sie irgendwie ins Innere gelangt, vielleicht durch die Belüftungsrohre? Allemal hatten sie mein Marmeladenglas gefunden: die Ameisen von Nebra ! Obwohl das Marmeladenglas doch zugeschraubt war, hatten sie irgendwie hinein gefunden und als ich den Deckel abschraubte, fand ich gut ein Dutzend von den Krabblern, die gerade ganz verzückt ein Marmeladenbad nahmen. Ich beförderte die blinden Passagiere mitsamt ein paar Löffeln Marmelade mal schleunigst von Bord!
Dann lief ich mal los zum Museum der Vorgeschichte, denn das sollte gar nicht allzu weit weg sein. Man kam tatsächlich gut zu Fuß dort hin, und ich ging dann mal rein. Man durfte fotografieren, aber nur ohne Blitz. Ich fotografierte wie der Teufel. Mann, wie interessant, und ich machte Hunderte von Bildern.
Im Erdgeschoss war die Sonderausstellung über nordische Schamanen, speziell über die Schamanin von Dürrenberg. Im 1. Stock ging es um die Römer, und im 2. Stock, ganz oben, wurde die Frühgeschichte gezeigt und die Himmelsscheibe von Nebra. Dass ich dank der Himmelsscheibe nun auch noch in die Sonderausstellung der Schamanin gelangt war, fand ich echt toll, denn darüber hatte ich schon einiges gelesen und mir eh vorgenommen, mir das bei Gelegenheit anzuschaun.
Hier ist sie also: die Schamanin von Dürrenberg. 1934 war man bei Bauarbeiten auf ihr Grab gestoßen und hatte das Skelett geborgen, 2009 startete man eine Nach-Grabung und fand noch einige Artefakte und Details, die nun in dieser Ausstellung zusammengefasst waren.
Mir fiel sofort das vollständige Gebiss auf. Für eine Frau im Alter zwischen 30 und 40, find ich das ja phänomenal. Mir fehlten in dem Alter schon einige Zähne, meine Backenzähne waren in ruinösem Zustand, mehrmals plombiert, einige bereits überkront. Und diese Steinzeitfrau hatte noch so tolle Zähne!
. Sie muss höllische Zahnschmerzen gehabt haben, die Ärmste
! Zudem gelangen durch die offen gelegten Nervenbahnen andauernd Keime und Bakterien in den Kiefer. Es wird sogar gemutmaßt, dass sie genau daran verstorben sei. Echt, die Allerärmste, diese arme, arme Frau! Diese Schmerzen!
Es gäbe darüber noch jede Menge zu erzählen. Ich habe jede Anzeige und Tafel gelesen, jedes Detail genau angeschaut, Schildkrötenpanzer, Muschelschnecken, kleine Wirbel von Babys und sogar das Schulterblatt eines Igels, Reste von Federn, Zähne und Knochen von Hirschen, Wildschweinen und Auerochsen.
An ihrem Schädelknochen war eine angeborene Anomalie, sodass sie sich die Hauptschlagader abdrückte, wenn sie den Kopf nach hinten legte. Durch die mangelnde Blutzufuhr verfiel sie in komatöse Zustände und konnte sich so gezielt in Trance versetzen. In diesen Trancezuständen, die jeder schon mal hatte, sei es beim Aufwachen, Einschlafen, am Rande von Narkosen, durch Alkohol oder Drogen, bei extremer Erschöpfung, Sauerstoffmangel oder wie auch immer, da hat man natürlich ziemlich verschobene Bewusstseinszustände und hört freilich die Englein singen, die Toten sprechen oder die Geister tanzen, weiß der Geier. Die Geisterstimmen aus dem Unbewusstsein erzählen manchmal auch ganz begründete Sachen, ganz wie manche Träume, die Dinge offenbar werden lassen, die man im Tagesgeschehen verdrängt. Man stößt auf bisher unerkannte Wahrnehmungen, nicht zugelassene Gefühle, böse Ahnungen, die man gar nicht wissen wollte und ähnliches.
Wenn ich aber mit diesem persönlichen Gedanken- und Gefühlskrimskrams die gesamte Sippe beglücke und damit Krankheiten geheilt oder Kriege geführt werden sollen, also das finde ich schon sehr überfordernd . Ziemlich viel Verantwortung auf sehr dünnem Eis.
Im Erdgeschoss des Museums waren noch viele andere Sachen ausgestellt, weitere Skelette, Schädel mit Bohrungen, Waffen, Feuersteine, Keramik - es sprengt den Rahmen, hier.
Auch die Römer und die Antike im 1. Stock hätte mich schwer interessiert, aber es war schon richtig spät, und nun ging ich gleich rauf in den 2. Stock zur Himmelsscheibe.
Beim Treppen-hochsteigen hörte nun ich die Englein singen! Ich hatte von meinem gestrigen Waldlauf einen derartigen Muskelkater, das war ja nimmer feierlich! Meine Oberschenkel brannten wie Feuer und alles war total verkrampft. Ich krabbelte hoch in den 2. Stock.
Da war sie nun: die originale Himmelsscheibe. Es war kein Replik, sondern in einem extra Raum, abgedunkelt, die echte, originale Himmelsscheibe von Nebra .
Das hatten sie sehr schön inszeniert, die Himmelsscheibe ins Zentrum gerückt, darüber den Sternenhimmel an die Wand projiziert. Auf der Seite standen die Waffen und die Armspangen, die dabei gefunden worden waren.
Das hat schon was, vor der echten Scheibe zu stehen, die so alt ist und so wertvoll. Ich war ergriffen . Ich machte ein Bild nach dem anderen und wenn ich nächste Woche wieder daheim bin, muss ich mir das alles nochmal anschaun, wow.
Nach einer Weile löste ich mich von der Scheibe und guckte auch noch durch die restlichen Räume in diesem Teil des Museums. Viele Skelette und Knochen waren hier ausgestellt, von Hirschen, Elefanten, Mammuts und Auerochsen.
Da saß der Vorgänger des Neandertalers, was für ein niedlicher Kerl! Ob er wohl denkt, dass er ist ?
Es war kurz vor 17 Uhr, ich war nun über 4 Stunden in diesem Museum. Im Eifer und vor lauter Faszination hatte ich - wieder mal - nicht auf meinen Körper gehört, denn jetzt konnte ich kaum mehr stehen, wow, war ich alle! Dabei wollte ich doch noch einkaufen! Also verließ ich das Museum, es machte jetzt eh gleich dicht, und lief Richtung Zentrum.
Zu diesen Graffiti hätte ich Fragen, nämlich: Wie seid ihr denn da hin gekommen?
Ich lief also in die Stadt und fand einen Edeka. Da kaufte ich dann lauter so Mist ein, den ich durchaus brauchte, aber...: 1 kg Mandarinen, 1 Liter Milch, 1 Flasche Wein und 1 kleine Flasche Eierlikör, sowie weiteren Kleinkrimskrams, also Brot, Wurst, Brotaufstrich, usw. Der Turnbeutel-Rucksack war voll, die Träger schnitten mir arg in die Schultern, ich muss das ja jetzt alles heimschleppen, ein paar Kilometer noch bis zum Parkplatz!
Ich kapitulierte, f*ck you, Smartwatch, ich fahre mit der Straßenbahn! Also stellte ich mich an die nächste Haltestelle und stieg alsbald in die Straßenbahn. In Halle sind die Fahrkartenautomaten - praktischerweise - in der Straßenbahn drinnen. Es fährt einem also keine Straßenbahn davon, weil man noch blöd am Automaten rumdümpelt, sondern das kann man drinnen machen. Ich stieg ein. Ich wollte soeben Geld einwerfen, als ich feststellte, dass in der Ausgabe eine Fahrkarte steckte! Ich setzte die Brille auf und prüfte: tatsächlich! Das war eine aktuell gültige Fahrkarte, die nahm ich gleich an mich. Ich fuhr bis zum Parkplatz damit - das war ein ganz schönes Stück, hey - und stieg aus, nicht ohne die Fahrkarte wieder dort hin zu klemmen, wo ich sie gefunden hatte, in den Automaten, der Nächste freut sich ebenso wie ich .
Nun wollte ich eigentlich im Naglfar meine Bilder sortieren und bei einem guten Glas Wein meinen Blogeintrag schreiben, aber ich musste feststellen, dass der Laptop keinen Mucks mehr machte . Er hatte keinen Akku mehr, nix leuchtete. Ich zog und steckte den Stecker vom Ladekabel raus und rein, drückte auf alle Knöpfe, klopfte dran rum, aber nix tat sich. Ich krieg die Krise, der Laptop iss hie!!!
Das ärgerte mich nun ungemein, weil das gehört doch immer zu meinem Tagesritual, die Erlebnisse am Abend noch einmal Revue passieren zu lassen, die Bilder anzugucken und alles nochmal wiederzukäuen, wie schön es gewesen war. Oh, das ärgerte mich! Frustriert holte ich ein tönernes Mittelalter-Schnapsbecherchen aus dem Schrank - schüttete 3 Ameisen aus Nebra draus hinaus - und schenkte mir einen Eierlikör ein. Da saß ich auf dem Beifahrersitz und besoff mich sinnlos
.
Brummm, da fuhr rasant ein Auto auf den Parkplatz. "Ordnungsamt" stand drauf. Vier Uniformierte stiegen aus und fingen an, die kleinen Autos vom Platz zu jagen bzw. aufzuschreiben und die großen zu kontrollieren, ob ein Ticket im Fenster lag, Ja, das tat es bei mir. Ich prostete dem Bediensteten mit breitem Grinsen zu: Wenn ich du wär, wäre ich lieber ich .
























