Es war so bitterlich kalt, dass am Campingplatz jeder, der die Möglichkeit hatte, in seinem Auto oder Zelt saß und die Schotten dicht machte gegen den eisigen Wind. Immer wieder regnete es, und nur ganz Hartgesottene wagten sich mal kurz raus auf einen Campingstuhl für eine Raucherpause. Ich saß im Naglfar und häkelte. Selbst im Auto war's nicht wirklich warm. Ab und zu schob sich ein Sonnenstrahl durch die Wolken, der hinter der Scheibe spürbar wärmte.
Ich habe jetzt eine Smartwatch! Eigentlich wollte ich ja nur eine ganz normale Uhr mit Wecker und möglichst großer Ziffernanzeige, damit ich ohne Brille die Zeit ablesen konnte, ohne extra mein Handy rauskramen zu müssen.
Ach, es gab mal eine Zeit, da stand an jeder Ecke eine Uhr, an jedem zweiten Laden hing eine Uhr, jeder Kirchturm, jede Haltestelle und jede Werbesäule hatte eine Uhr. War mal wirklich nirgendwo eine Uhr, so guckte ich einfach ins nächste parkende Auto, denn im Armaturenbrett war immer eine Uhr - eine analoge, die man auch sah, wenn die Zündung aus war. Längst sind die Uhren fast komplett aus dem Stadtbild verschwunden, glotzt ja jeder sowieso fast ununterbrochen auf sein Handy. Aber das habe ich bei so vielen Gelegenheiten nicht zur Hand, z.B. beim Garteln auf der Ranch, und so wollte ich eine ganz normale Armbanduhr.
Da gab es aber bloß so China-Produkte in Temu-Qualität. Ja, ich hatte mir zuerst so eine billige bestellt, aber nach zwei Tagen gleich wieder zurück geschickt, denn schon funzte sie nimmer. Also doch eine eher teurere mit halbwegs namhafter Marke! Leider gibt's keine teuren nur-Uhren-mit-Wecker, nur Smartwatches. Also hab ich mir halt eine Smartwatch gekauft.
Die Smartwatch tickt mir jetzt ständig in den Kram. Kaum häkel ich mal ein Stündchen, meckert sie: Aufstehen und bewegen! Jawohl, das werde ich jetzt tun. Leider musste ich erst noch abwarten, bis sich die aktuelle Regenwolke ausgekotzt hatte. Ich zog mich an, packte mein Vesper zusammen und präparierte meinen Bierproviant in Hundetüten. Wenn der Weg zum Auto zu weit ist, verstecke ich nämlich mein Bier immer nahe des Eingangs. Dann brauch ich bloß schnell raus, billig tanken, und wieder rein
. Sparmaßnahme.
Ab in den Rucksack mit dem ganzen Zeug, und dann bewegte ich mich endlich und fuhr nicht mit dem Shuttle-Bus. 108 Stufen (ich habe mitgezählt!) und noch gehörig steile Wege dazwischen stieg ich zur Burg hoch. Die Smartwatch brummte schon auf halber Strecke und sendete mir irgend so ein Abzeichen, ich hätte mein Tagesziel erreicht . Oben angekommen verbunkerte ich meine Hundetüten im Gebüsch, ein Stückchen vom Baum weg, weil das Männervolk muss ja immer an jeden Baum hinpinkeln; die haben so einen Drang, alle Pfosten zu markieren.
Am Eingang saß der Kanne. Der hatte sich frische Vitamine verschafft . Ja, ich hab von so einem Obstsalat keine Ahnung, bin die Unschuld vom Lande
. Hee, bis zu Addnfahrers Show letzten November wusste ich gar nicht, dass es damit überhaupt irgendwas auf sich hat, geschweige denn, was!
Ich ging mal lieber gleich vor an die Bühne, da kamen nun Heimdalls Wacht, zwei stramme Buben an der Front, au ja, die sind ja süß! Der eine hat a weng a Wampe, aber ja mei, trotzdem: Vor 25 Jahren hätte ich den bestimmt gern mitgenommen. "...doch irgendwann ist selbst ein Traum zu lange her" sangen damals die Wolfsheim. Oh, ich greif vor, Gothic kommt erst nächste Woche, jetzt bin ich erst noch bei Metal.
Pappa Dieter stand gestützt auf seiner Krücke vorn am Gatter und wippte moshend mit dem Kopf. Ach, das wäre hier alles so schön gewesen, hätte das Wetter mitgespielt, aber ich war schon wieder eingepackt in Hoodie, Zipper, Kutte und Winterjacke drüber, dazu Leggings unter der Jeans, also hüpfen und tanzen geht da nicht besonders gut.
Naja, also 1 Bier wollte ich mir kaufen, allein um einen Becher zum Nachfüllen zu haben. Auf dem Weg zur Tränke kam mir der Frohwald entgegen. Den hatte es nun also auch hierher verschlagen, sieh an. Also noch jemand mit ausgefallener Standheizung .
Ein Kerl grüßte mich: "Hallo, Nachbarin!" Es war der aus dem VW-Bus neben mir, und er beschwerte sich gleich, dass ich ihn so eng zugeparkt hatte. Hee, ich kann nix dafür, das musste ich machen, die Crew hatte das so angewiesen. Von wegen, er käm nicht mehr aus seinem Auto, könnte die Tür gar nicht aufmachen: Stimmt ja gar nicht, er hat Schiebetüren! Er wäre heute morgen beinahe über mein Auto gefallen: Jaja, das habe ich mitgekriegt, das ganze Naglfar hat gewackelt, und ich hatte doch noch so schön geschlafen.
Zum Abendessen suchte ich ein trockenes Plätzchen. Alle Bänke und Vorsprünge waren nass geregnet, nirgendwo konnte man sich gemütlich setzen. Aber dann fand ich doch noch einen trockenen Stuhl unter einem Zeltdach. Da saß ich nun und futterte mein Wurstbrot.
Seltsame Perchten waren jetzt unterwegs, vor allem auch Mädels. Diesem Mädel ist ein Horn gebrochen. Das Wieder-hin-nageln hat auch nicht ganz geklappt, die Nägel haben nicht ganz getroffen .
Das andere Perchten-Mädel lief "oben ohne". Da wurde es doch gleich unsittlich berührt! Ich find das so goldig, wie es ganz entsetzt guckt, man sieht es sogar durch die Maske: Alter, geht's noch?
Aber sie war ja schwer bewaffnet mit einer dicken Peitsche, war nun in Stimmung und verprügelte jeden, der um sie stand - bloß den übergriffigen Kerl nicht, der wollte wohl genau das, und ging deswegen jetzt extra leer aus, hähähä. Ha, wäre ich das Mädel gewesen, hätte ich mich sofort an den "Awareness-Point" begeben, den sie unten neben der Bar eingerichtet hatten und hätte mich öffentlich beschwert!
Nach dem nächsten Regen standen nun Obscurity auf der Bühne. Die hatte ich ja erst letzte Woche auf dem helles&hellfire gesehen. Es war ein netter Gig, aber wie gesagt... leider einfach zu kalt für irgendwas.
Vielleicht half ein Bier? Ich ging mal raus in den Wald, Pilse suchen .
Ich trieb mich am Whiskystand herum. Heute war der Met wärmer als gestern, er hielt aber trotzdem nicht lange .
Die stillstehenden Windräder blinkten nun im Gleichklang. Ganz weit hinten rechts stand das nächste Grüppchen Windräder und blinkte mit. Wie es so über den ganzen Horizont immer gleichzeitig blinkte, war schon faszinierend. Man könnte sich hier auf die Burgmauer setzen und dem regen Treiben stundenlang zuschaun, aber nicht mal mit Feuerschale wollte ich das wirklich.
Es kamen nun Groza. Da flick ich mir vorgestern noch extra meinen Groza-Patch auf die Kutte, und dann sieht man ihn gar nicht, weil ich drüber noch die fette Winterjacke mit Schal an hab und nur dick eingemummelt rumlauf . So stand ich mit meinem Met-Becher in der Menge und gab mir den Groza-Gig, der gefiel mir doch recht gut. Ich hielt fast bis zum Ende durch, aber dann war der Met alle.
Außen am Baum lagen noch zwei volle Hundetüten! Ich hatte nicht mal viel gesoffen . Na, die ließ ich dann mal liegen für morgen.
Ich lag grad im Bett, da wackelte das Naglfar. Der Nachbar war heimgekommen und schon wieder gegen mein Auto gefallen. Jetzt ging die Schiebetür vom VW-Bus, krrrtgsch! Es dauerte einen Moment, bis er in sein Auto gekrabbelt war, dann krrrtgsch - und jetzt iss a Ruh, ja?

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