Am Samstagmorgen hatte das Handy 88%. Es hatte geladen, die alte Powerbank war leer . Aber immerhin hatte es geladen
. Mit 88% konnte ich heute durchkommen. Den Laptop könnte ich mit seinem Autostecker über die Buchsen am Armaturenbrett laden, aber die laufen über die Zündung und gehen von der Frontbatterie, und die ist für mich tabu, denn die brauch ich ja zum Fahren für den Start.
Ich heiße ja nicht "Charly". Charly parkt im Winter gern mit dem Heck zur Wand, weil er die Heizung volle Pulle aufdreht, dazu das Radio über die Zündung laufen lässt, Beleuchtung an hat und alle seine Akkus sowas von auspowert, dass oft das Auto nicht mehr anspringt . Drum parkt er mit dem Heck zur Wand, weil dann kann man es zum Start leichter anschieben. Aaaalter! Manche Leute haben Nerven!
Ich nicht.
Ich frühstückte heute also mal draußen am Biertisch ohne Laptop, wo die Jungs beim Frühschoppen saßen. Karin hatte hergefunden - wir waren ja auch kaum zu übersehen, standen wir fast direkt vor dem Eingang. Da dümpelten wir also etwas ausgepowert im Camp rum, bis ich mich aufs Infield aufmachte.
Da sang es von einem Tisch da drüben rüber "all we are...!".
Was ist da los? Doch nicht schon wieder die bösen Buben vom Ragnarök?!
Ich hob gleich den Kopf und guckte erschrocken, und die Kerle an dem Tisch lachten. Nein, es waren nicht die vom Ragnarök, es waren völlig fremde. Also ich versteh das gar nicht, ich seh doch der Doro gar nicht ähnlich, grad mal, dass ich lange, helle Haare habe, aber das war's doch dann auch schon. Kann es sein, dass das immer nur am 3. Festivaltag passiert, dass man mich für die Doro hält, wenn mir die Schminke der letzten 2 Tage dann in fetten dunklen Ringen unter den Augen hängt ?
Auf der Hauptbühne spielten gerade Hexvessel. Im Camp hatten sie noch diskutiert, das könnte sehenswert sein, und dass sie mal zu dem Gig aufs Infield vorkommen wollten, aber natürlich hat die Woll'n nicht gelangt: Die Jungs waren aus dem Sessel noch nicht hoch gekommen. Ich stellte mich hin und guckte mir die Hexvessel eine Weile an, aber es bockte mich jetzt nicht sooo.
. Immerhin ist diese da jetzt leicht camouflage, also wohl doch etwas anders als die vom letzten Jahr.
Ich lief wieder zurück ins Camp auf ein erstes Bierchen. Die anderen dümpelten immer noch am Biertisch rum.
Im Dixi hatte einer die Wand beschmierte mit "FCK AFD".
Und ein anderer läuft auch ständig mit nem Edding in der Tasche rum und hatte es ergänzt mit "...-Phobie"
.
Ich bin dann am nächsten Tag extra nochmal auf genau dieses Dixi gegangen, nur um zu sehen, ob die Message angekommen war und der Erste vielleicht eine Antwort geschrieben hatte? Hatte er aber nicht .
Die Sandra hatte mir mal vor Jahren eine CD zum Geburtstag geschenkt von In The Woods, und die hatten jetzt heute hier einen Auftritt. Drum ging ich gleich wieder vor aufs Infield und guckte mir das an. Ich stellte mich links neben den Rolli-Sektor, da kam auch bald die Karin daher. Zusammen standen wir dort und hörten uns den Gig an.
Ich lauschte grad ganz verzückt, auf einmal zappelte meine Smartwatch. Ich hatte eine Message erhalten von der Maria? Also Brille auf, Handy raus, gucken!
Ach...! Da schau an! Wir wurden entdeckt! Überall Spione!
Im Zelt spielten Temple of Dread, die gefielen mir wieder besser.
Anschließend auf der Hauptbühne diese da. Im Programm stand zu dem Zeitpunkt "Firespawn", aber ich las hier "Petrov". Da musste ich extra googeln und wurde schlauer, also: Petrov war Gründungsmitglied bei Emtombed, spielte bei Entombed A.D. und gründete schließlich diese Band, Firespawn. 2021 ist Petrov an Krebs verstorben. So hing nun dort eine Flagge mit seinem Portrait, statt des Bandnamens.
Nach der Bierpause im Camp stellte ich bei der Rückkehr zum Infield fest, dass die Stände nun bereits alles einpackten, es ging dem Ende entgegen. Diesmal war ich gar nicht böse drum, weiß auch nicht. Einen weiteren Festival-Tag hätte ich nun gar nicht gewollt. Das Party San war sehr schön gewesen, aber nun hatte ich es durch. Ich war eigentlich auch ganz froh, dass ich mein Summer Breeze-Ticket längst weiterverscherbelt hatte und nicht nach 3 Tagen schon gleich wieder weiter aufs Breeze "musste". Fast freute ich mich mal auf daheim, gibt's das?
Es gab auch gar nicht mehr viel, was ich noch sehen wollte - außer Groza.
Die Groza haben noch gar nicht bemerkt, was für ne tolle Nummer sie mittlerweile geworden sind. Sie spielten ja nun bisher eher auf kleineren Bühnen, und ihr Banner war noch dementsprechend: Ein kleines Fähnchen im Hintergrund, das grad mal nur bis zur Hälfte reichte . Eine Menge Leute waren dafür gekommen und vor der Bühne war es richtig voll geworden. Hai, Wolfi und Torsten waren auch da, aber getroffen haben wir uns nicht - vor lauter Leuten. Erst später fanden wir uns und schwelgten dahin, wie geil Groza wieder waren
.
Am Thüringer Rostbrätel-Stand gab es leckere Hausmannskost, ich konnte nicht widerstehen. So eigentlich hatte ich nicht mal Hunger, aber jede Menge Appetit. Ich erhielt für nur 6 € eine Schüssel voller Bratkartoffeln mit 2 Spiegeleiern und ganz vielen Zwiebeln drauf. Ich aß alles auf, obwohl ich es kaum mehr schaffte. Aber es war so lecker, dass ich nochmal zum Stand zurückging und ein nachträgliches extra-Trinkgeld gab. Schön, dass es noch Bargeld gibt, sodass ich einfach kurz zwei 2-€-Münzen rüberschmeißen konnte. Ginge der Geldverkehr nur noch mit Karte oder Chip, hätte ich mich garantiert nicht in der Schlange angestellt und extra eine Buchung getätigt, die sie dann wohl nicht mal hätten eingeben können, weil ich ja gar nichts kaufte. ...und das Finanzamt hätte 80 ct Steuern eingezogen .
Pappsatt und mit gestopft vollem Bauch walzte ich zurück ins Camp auf ein Bier.
Da sah es schon wieder aus, alles war rumgeschmissen, MaKS hatte einfach seine Powerbank am Tisch liegen lassen, die klaute schon keiner. Ich deckte wenigstens eine Mütze drauf, die da auch rumlag.
Die Gras-Dose stand mitten auf dem Tisch. Vorhin hätte ich sie beinahe weggeschmissen, weil ich dachte, das sei leerer Verpackungsmüll. Zum Glück hatte ich sie aufgemacht, sicherheitshalber nochmal reingeschaut und dabei entdeckt, dass da ja lauter Rauchzeug drin war - huch, schnell wieder hinstellen, sonst stopfen mich die anderen in die Pfeife!

Das mach nämlich ich auch, weil ich hab ja auch seit Jahren ein Hörgerät - für die Arbeit (Metal-Festivals hör ich aber "noch so" ). Das hab ich bloß nie an, weil es sich unangenehm trägt und ein echtes Verständnis-Plus bringt's leider eh nicht. Wenn ich was nicht versteh, frage ich nach. Ich frage auch noch ein zweites Mal nach, aber dann ist es mir peinlich, wenn ich es wieder nicht verstanden hab, und so antworte ich dann oft mit "aha, ja" o.ä. - ganz wie Pappa Dieter, bei dem ich nun mal in der anderen Position war und feststellen musste: Gesprächskiller vom Dienst! Mit so jemandem kann man sich nicht unterhalten
. Mit einem, der bei jedem Satz fünf Mal "wie bitte" fragt allerdings auch nicht
.
Gut, gut, anspruchsvollere Unterhaltungen führ ich in Zukunft eher schriftlich und online, persönliche Kommunikation reduzieren wir im Altersheim-Style auf: "Hä, hm hm?" "ja ja" "ach so." ...und konzentrieren uns aufs Nonverbale .
Wieder vorn vor der Hauptbühne spielten nun Wolfbrigade.
Zu Marduk fand ich dann meine Jungs aus dem Camp wieder. Da standen Torsten, Wolfi, Hai und ich in der Menge und gaben uns Marduk. aber irgendwie waren wir alle erledigt. Keiner moshte richtig wild, keiner hüpfte, sang mit oder jubelte, sondern wir standen einfach dort, nickten grad mal noch mit dem Kopf und lauschten. Die Luft war einfach draußen. Es war der vierte Tag, und ich war nun wirklich satt, endlich einmal. Sonst fand ich letzte Tage doch immer so traurig? Sollte ich endlich mal meinen Festival-Kragen vollgekriegt haben?
Dass ich den Headliner, Hypocrisy, nicht mehr erleben würde, war mir eigentlich gleich von vornherein klar, denn die fingen erst um 23:45 Uhr an, da wär ich viel zu müd. Aber ich schaffte nun nicht einmal mehr Marduk. Ich war schlapp, vollgefressen, wollte kein Bier mehr, wollte mich eigentlich gar nicht mehr bewegen - verabschiedete mich von den anderen und lief zum Auto.
Am nächsten Morgen hörte ich die Jungs draußen einpacken, Autotüren klapperten und auch den Motor von Torstens Bus neben dem Naglfar hörte ich noch anlaufen, aber ich schlief selig und drehte mich im Bett nochmal rum. Als ich aufstand, war schon der halbe Platz leer. Auf meiner Trittbrett-Bierkiste fand ich noch eine Tomate - aus Torstens Garten, seine erste Ernte .

























