Samstag, 28. März 2026

Kanonenfest, Bamberg

Der Winter hat meinem Gemüt echt schwer zugesetzt. Trotz milden Wetters in den letzten Wochen und seligmachender Gartenarbeit bin ich noch nicht richtig aus dem Depri-Loch rausgekommen. Schon an den Blümchen, Büschen und Bäumen sah ich: Die mögen noch nicht recht, da kommt nochmal was . So kam dann auch die letzten drei Tage wieder ein Kälteeinbruch, vorgestern hat es sogar leicht geschneit - liegen geblieben ist aber nix. Die Gartenarbeit liegt also vorerst wieder auf Eis, im wahrsten Sinn des Wortes. Das traf sich gut, denn am Wochenende war sowieso Party angesagt: zuerst mal am Freitag das Kanonenfest in Bamberg.

In der Arbeit war es die letzten Tage echt stressig gewesen, ich war ziemlich ausgepowert. Ich war gar nicht dazu gekommen, nach meinen Wochenend-Events zu surfen und meinen Plan zu erstellen von der Sorte "was zieh ich an, was nehm ich mit, wer spielt überhaupt und welche Band will ich unbedingt sehen, wer von den Kumpels ist da? etc." So fuhr ich nach Feierabend um 14 Uhr chillig heim, startete den Laptop, fuhr die neuesten Updates, nicht dass der mir das wieder unterwegs downloadet und mir mein mobiles Datenvolumen wegsaugt. Ich packte meinen Krempel ein, stellte eine Futterbox zusammen, reicht der Käse oder nehm ich noch die Wurst mit? Ich nahm das Ticket von der Pinnwand... was ? Beginn 17 Uhr, Einlass 16 Uhr? Geht's noch?! Da musste ich ja gleich los, war ich ja richtig spät dran!

Mit dem Röhrle fuhr ich zum Naglfar. Von gestern hatte ich noch eine Packung Hühnerherzen für die Katzen dabei, aber wenn ich noch auf die Ranch fahren wollte, war ich ja noch später dran. Bis ich aber am Sonntag zurück sein würde, sind die Herzen verdorben. Also riss ich die Packung auf und stellte sie in die nahe Wiese, Elstern und Krähen würden es schon finden. Jetzt aber los!

Auf der Autobahn bei Erlangen überholte mich ein Wohnwagen-Gespann und scherte vor mir ein. Auf dem Wohnwagen hinten drauf stand "G.O.N.D.". Schon warnblinkte er mir zur Begrüßung zu . Der hatte bestimmt genau dasselbe Ziel wie ich. Eine Weile fuhren wir so dahin, aber dann überholte ich ihn wieder und fuhr schneller weiter.

Vor der Arena in Bamberg bog ich einfach mal links ein zu den Parkplätzen. Da stand so ein jugendliches Männchen mit Warnweste. Ich hielt an und fragte, ob ich da auch rein fahren könnte. "Wollen Sie zum Konzert?" fragte er. Ja, wohin denn sonst?! So ein Honk! Er hatte wohl den Sinn meiner Frage auch gar nicht verstanden, denn als ich dann da hinter fuhr, standen an den Einfahrten zu den Parkplätzen fast überall Höhenbegrenzungslatten bis 2,50 m. Da pass ich leider nicht drunter . Mei mei, manche Generation-Z-Exemplare sind echt zu doof, um eine Zufahrt zum Parkplatz zu managen, mei. Der soll sich auf die Straße pappen! Mit seichter Intelligenz reicht es immerhin noch zum Klimaidioten.
Der einzige Parkplatz ohne Höhenbegrenzung war natürlich rammelvoll. Als ich da durch kurvte, kam mir das G.O.N.D.-Gespann von der Autobahn entgegen, der dort auch verzweifelt nach einer Lücke suchte. Wir winkten uns fröhlich zu .
Also das hatte hier keinen Sinn. Zudem sah ich dann auch eine echt große Menge an Leuten, die an dem einzigen Kassenautomaten dort anstanden. Bis ich da dran käm, wär das Konzert vorbei! Ich fuhr also die Straße ein Stück entlang, alles Feuerwehranfahrtszone, sah dann einen Feldweg, fuhr da rein, links und rechts Gärten, hier lagen zwei dicke Baumklötze eines gefällten Baumes, und daneben quetschte ich mich einfach hin. Feuerwehranfahrtszone war das bestimmt nicht, aber vielleicht Privatgrund? Ein Schild sah ich keines, aber sicherheitshalber legte ich mal lieber den Zettel mit meiner Telefonnummer hinter die Scheibe.

Dann ging ich los. Es war gar nicht weit weg. Zwei Gärten weiter, fast an der Arena, war eine Wiese und darauf güllten schon wieder einige Kerle in die schöne Natur. Mensch, das waren doch der Thomas und der Naggert-ganz (er hat's auf Facebook nicht hin gekriegt, die Namen in der richtigen Reihenfolge einzutragen, statt ganz-naggert (=ganz nackig) heißt er dort naggert-ganz) ! Wir begrüßten uns herzlich: "Wie schön, dass ihr auch da seid!" Aber leider standen Thomas und Naggert-ganz auf der Gästeliste und hatten daher einen Sitzplatz auf dem Rang. Boah, einen Sitzplatz, das tät mich ja nerven! Wir mussten getrennte Wege gehen, zudem ich mir ja auch erst mal ein Bändchen holen musste.

Es ging ganz schön zu an der Bändchenausgabe. Auch Fressbuden und der Merchstand waren da draußen aufgebaut, aber es war davor so ein Gedränge, dass ich gar nicht hinschaute.

In der Halle weit vorne traf ich dann den Torsten + Töchter + Lover. "Wo bleibst du denn?" beschwerte sich der Torsten. Ein Kumpel hatte ihn schon gefragt, wo denn "seine Frau" heute ist. Seine Frau? Die war noch auf der A73 , ja mei, ich musste arbeiten, und dann überhaupt: Um 16 Uhr schon anfangen, das ist schon krass! Auch am Freitag hat da noch nicht jeder Feierabend, und für Leute, die nicht aus Bamberg kommen und erst mal herfahren müssen, ist das echt stressig.

Die erste Band hatte ich schon verpasst. Angeblich war sie ausgesprochen gut. Pft.

Aber die zweite Band, Antrisch, sah ich dann. Die fand ich auch sehr gut und ging gleich raus an den Merch. Ein Patch, ein ganz normaler Patch, kostete 10 €! Na, die spinnen doch! Vor 3 Jahren bekam man für 10 € noch 4 Patches, auch von ganz namhaften Bands wie Slayer oder Metallica. Aber wenigstens eine CD für 15 € gönnte ich mir. Die Preise sind ja doch etwas unausgewogen, find ich.

Ich guckte auf mein Handy und fand dort eine unbekannte Nummer, die mich vor 20 min angerufen hatte: Oh Schreck, ich parkte wohl doch falsch? Bestimmt soll ich mein Auto weg fahren, aber jetzt hatte ich doch auch schon das zweite Bier, oh Schreck, oh weh. Ich rief gleich zurück … aber es war bloß der Thomas, der mir seine neue Nummer mitteilen wollte und außerdem seinen Standort, irgendwo da draußen standen die grad im Raucherbereich oder wo. Oh Mann!

Die nächste Band, %$&§dingsbumsirgendwasichkannsnichtlesen Cruelty, waren etwas crunchig, aber richtig gut. Wir moshten und hüpften. Auch gab's einen fetten Circle-Pit und die ersten Crowdsurfer segelten an uns vorbei. Unser Platz war ideal, etwas links fast ganz vor der Bühne. Man fand von dort aus am linken Rand bis zum Schluss zwischen den Leuten immer eine Gasse, durch die man sich quetschen konnte, um immer mal wieder Bier zu ver- und entsorgen.

Anschließend kamen Vader ! Ich hatte mich - wie gesagt - noch gar nicht um irgendwas kümmern können, zum Beispiel um das Line Up, und hatte nur Kanonenfieber auf dem Schirm. Da war ich ja begeistert und auch der Torsten staunte, was man hier für nur knapp 60 € alles an Bands geboten kriegt. Das stimmte: Das Preis-Leistungsverhältnis war da wirklich absolut top!

In der Lobby war auch ein Tisch mit Kanonenfieber-Kunstdrucken, Postkarten und Postern. Ein Poster 10 €, 4 Postkarten 5 €, ein handsignierter Kunstdruck im Bilderrahmen 150 €. Naja, vielleicht kauft es ja jemand?

Drinnen vor der Bühne traf ich dann die Angela aus Ingolstadt, juhu *jubel, quietsch und die ganze Halle zam-kreisch* .

Jetzt kamen Kataklysm! Also das war ja echt ein starkes Programm, wow ! Zuerst noch war ich voll begeistert, dancte und moshte, aber dann merkte ich, wie mich die Kräfte spürbar verließen, ich war durch . Ich war gut beömmelt, ein weiteres Bier hätte mir nicht mehr geschmeckt, da gab ich mal meinen Becher ab. Ich hatte eine stressige Woche hinter mir, war heute um 6:30 Uhr aufgestanden, hatte einen emotional doch recht bewegenden Maildialog mit meiner Teamleiterin, war jahreszeitenmäßig eh noch nicht so ganz auf der Höhe und war jetzt bedient. Mei, Kanonenfieber, der Headliner, wegen denen ich eigentlich gekommen war..., aber ich hatte sie ja auch schon ein paar Mal gesehen und warum soll ich mich jetzt da noch groß auspowern? Ich ging zu Torsten und verabschiedete mich.

Ich hatte am Nachmittag nur ein Hoodie unter meiner Kutte, huch, war das auf einmal eisig geworden! Mit strammen Schritt lief ich Richtung Feldweg, vorbei an den Taxis. "Brauchen Sie ein Taxi?" fragte ein Fahrer. "Nein, ich hab ein schönes Auto." lallte ich daher und torkelte an dem vorbei. Der wird sich was gedacht haben !

Mein schönes Auto stand noch dort, keiner hatte es abgeschleppt, ganz im Gegenteil, ein anderer Van hatte sich noch daneben hin gequetscht und 4 PKWs hatten den restlichen Raum zugeparkt. Ich stieg ein und fror langsam. Zackig putzte ich mir ganz schnell die Zähne und kletterte dann gleich ab ins Bett. Jogginghose, dicken Pulli und warme Socken behielt ich an, schlüpfte in den Schlafsack, zog die Federdecke drüber und bereute es schon in diesem Moment, dass ich meine dicke Winterdecke bereits zuhause "eingesommert" hatte. Vielleicht doch die Heizung anmachen? Ich ließ sie aus, weil im Schlafsack ging's schon, ich fror nicht wirklich. Nur im Gesicht und an der Nase wurde es bald bitter kalt, brr. Vor Kälte in den frühen Morgenstunden wachte ich halb auf. Meine linke Schulter tat weh, mein rechtes Knie - wahrscheinlich diverse Degenerationen, die sich jetzt langsam bei Kälte bemerkbar machten. Ich vergrub mich in Kissen und Decken, aber darin kriegte ich keine Luft mehr, die Nase musste ich also noch irgendwie in die eisige Luft strecken. Kurz vor Morgengrauen wurde es dann wieder 2 Grad wärmer, da ging es wieder und ich schlief noch ein Weilchen.

Samstag, 14. März 2026

die schwarze Madonna im Wald bei Demling/Bach a.d.Donau

(Dieses ist ein archetypischer Bericht.)

Am Samstagabend würden in der Eventhalle Airport Angus McSix auftreten. Wenn ich denn eh schon da war...? Ich überlegte, dass ich mit dem Naglfar ja einfach stehen bleiben könnte und mir abends die (nächste) Vorstellung geben könnte, aber ich musste mir ja jetzt nicht gleich schon wieder das nächste Konzi reindrücken, denn ich hatte ja noch einen ganz anderen Plan für heute: die Ortschaft Demling, ab auf den Berg in den Wald und die Suche vom Januar fortsetzen nach der schwarzen Madonna.

Die Odyssee fing dieses Mal schon auf der Staatsstraße St2125 noch im Auto an, 7 km vor dem Ziel: "Fahren Sie gerade aus weiter und nehmen Sie die St2125." ...aber da stand jetzt mitten auf dieser St2125 eine Straßensperre mit einem Einfahrt-verboten-Schild: "Anlieger, Lieferdienste, forstwirtschaftlicher Verkehr frei". Naja, ein Anliegen hatte ich ja...? Ich fuhr um die Straßensperre herum und weiter mit meinem fetten Auto .
Es waren noch 2 km bis Demling, da war die Straße aufgerissen und nur noch die blanke Erde lag vor mir. Hm. Mit dem Röhrle wär ich durchgebrummt, aber mit dem fetten Naglfar? Dann lande ich nur wieder in einer Wiese und komm nimmer raus?

Da stand ich am Ende des Asphalts und guckte. Da hinten in der Ferne sah man PKW (die Anlieger, Lieferdienste und forstwirtschaftlichen Verkehre ), die eine schmale Feldstraße entlang schlichen. Kaum kam Gegenverkehr, stoppte einer und der andere quetschte sich mühselig an ihm vorbei. Nein, also, da brauch ich mit meinem nicht reinfahren . Ich drehte um und fuhr zurück. Ich würde den Berg einfach umfahren und von der anderen Seite kommen .

"Wenn möglich, bitte wenden."
Nein, ist nicht möglich.
"Fahren Sie die Nächste links, dann gleich wieder links, dann links..."
Nein.
"Nehmen Sie im Kreisverkehr die 4. Ausfahrt"
Nein.

Ich fuhr nach ca. 7 km rechts weg, in der Hoffnung, dort den Berg zu umfahren. Leider führte mich die Straße irgendwo in die Pampa, während das Navi noch immer Wendevorschläge ausspuckte.
"Etz nerv mi net!"
Ich hatte das Gefühl, die Stimme des Navi wurde dringlicher, richtig dominant - kann das sein?
"Na, dir geb ich's, jetzt fahr ich erst recht woanders hin!"

Nach einer Weile hatte ich wohl schon den 3. Berg nach Demling hinter mir. Es ergab sich aber keine Möglichkeit, nach rechts abzubiegen, um wieder auf die Spur zu kommen. Da klinkte sich das Navi ein: "Fahren Sie rechts" Ja, mach ich!

Ich kam also irgendwann endlich an die andere Seite von Demling, bei der die St2125 natürlich auch gesperrt war. Ich fuhr trotzdem rein, ignorierte alle Sackgassen- und Warnschilder - besonders die "keine Wendemöglichkeit"-Schilder - und kam tatsächlich bis nach Demling. Dort war Ende, Straße aufgerissen, da kam ich nicht weiter, aber ich konnte noch abbiegen und hier war "meine" Baustelle, in der ich auch im Januar schon geparkt hatte. So auch heute. Eigentlich ein schöner Platz, hier könnte man direkt mal campen (wenn man denn mal Zeit hätte, so in Rente, vielleicht, oder so)?

Ich sperrte das Naglfar ab und machte mich auf in den Wald. Die Karte mit allen Wegen hatte ich im Kopf, denn x-mal hatte ich mir google-maps reingezogen und alles genau abgecheckt. Also: 500 m die (aufgerissene) Straße entlang, dann 40 m Feldweg in den Wald, dann eine 90-Grad-Rechtskurve und wieder 500 m in die andere Richtung... ich lief. Hier war der Weg noch relativ gepflegt, jemand hatte sogar die umgestürzten Bäume abgesägt, um die Durchfahrt für den forstwirtschaftlichen Verkehr freizuhalten.

Die Aussicht ins Donau-Tal durch die noch entlaubten Baumkronen war gigantisch. Guckt mal: Da unten steht das Naglfar!

Der Wald war sehr urtümlich, die Wälder um Nürnberg sind viel klarer und steriler. In diesem Wald ist anscheinend ein Naturschutzgebiet und alles so belassen, wie es nun halt mal ist. Hierzu zählen auch die Zäune, die mit solchen Stiegen überklettert werden können. Von der Stiege waren 2 Sprossen gebrochen, aber ich kraxelte drüber.

Reihenweise fallen hier die Bäume um. Ist auch kein Wunder, wenn die Erde drunter so unterspült ist. Das stört aber anscheinend keinen. Naja, Wildsaugebiet .

Meinen Wegbeschreibungen gemäß musste ich jetzt da sein! Genau an dieser Biegung musste die schwarze Madonna stehen.
Da war aber nix .
Ich lief noch ein Stück weiter, fand nichts, lief wieder zurück, fand auch nichts. Es hatte keinen Sinn, ich startete google maps auf dem Handy.

Oh. Ich stand lt. google-maps direkt davor.
Es war hier aber nichts .
Erst in der Vergrößerung zeigte sich: Ich war knapp daneben. Die Madonna war noch ungefähr 10 m Luftlinie von mir entfernt. Ein Weg zu ihr war eingezeichnet, aber bitte, wo issn hier ein Weg? Genau an diesem Punkt stand ich, aber ich konnte hier keinen Weg erkennen.

Hilft nix, ich ging - wie auch im Januar - ohne Weg direkt in den Wald. Ich krabbelte die steile Steigung hoch, nahm bald einen Stecken zuhilfe so als Wanderstock, erinnerte mich an Pappa Dieters aktuellen Oberschenkelhalsbruch , hielt mich an Bäumen fest und überprüfte immer wieder meine Position auf google-maps: Ich näherte mich ihr. Hier musste gleich der Weg kommen, der zu ihr führte. Aber ich fand keinen Weg. Auf einem umgefallenen, moosbewachsenen Baum hockte ich mich erst mal hin und machte kurz Verschnaufpause.

...und da sah ich sie! Ein Stück weiter oben schimmerte etwas Seltsames durch die Bäume. Das musste es sein!

Mit ganz viel Fantasie kann man auch einen S-förmigen "Weg" dort hin erkennen, mehr ein abschüssiger Trampelpfad, ich hätte ihn bestenfalls für einen Tier-Pfad gehalten, wenn überhaupt für irgendwas. Den hätte ich ja ohne google-maps echt nie gefunden!

Ich krabbelte weiter und stand schließlich vor ihr.

Alter Schwede, wie kann man denn so ein Marterl mitten in den Wald stellen, erreichbar über Trampelpfade nur für Klettermaxen? Wozu? Warum?

Es ist ja wirklich ein faszinierender Ort, die moosbewachsenen Felsen in diesem naturbelassenen Wald voller umgestürzter Bäume, sowas Uriges, das hat Flair! Ich stand ganz ergriffen davor.

Erst mal das Analytische:
Meine "Ebenholz-Theorie" musste ich hiermit verwerfen. Diese Figur war nicht aus Ebenholz geschnitzt, sondern nur 2-dimensional, gemalt. So hat das Schwarze also wohl doch mehr Bedeutung als nur Materialeigenschaft.
Das Bild war hinter Glas. Im Hintergrund stand die Mittagssonne. Der Kontrast war extrem. Zudem spiegelte das Glas das Gegenüber, den sonnenerhellten Himmel. Ich zog meine (schwarze) Jacke aus und hing sie zuerst an den verkrüppelten Baum dahinter, dann über mich und mein Handy, um die spiegelnden Lichteinfälle zu dezimieren. So konnte ich sie halbwegs klar fotografieren.
Mir fiel auf, dass die Gesichter relativ fein gearbeitet waren. Die Kleidung, Kronen, Heiligenschein waren dagegen in groben Farbtupfen und Linien gezogen, es stand im Gegensatz zur feineren, malerischen Arbeit an dem Gesicht. Es wirkte, als hätte man ein altes Bild übermalt, nur das Gesicht im ursprünglichen Zustand belassen, und die Kleidung und Umgebung im Nachhinein mit groben Pinselstrichen nachgearbeitet.
Hierzu würde auch passen, dass das Gesicht der Himmelskönigin von Konturen aus Farb-Rissen von oben her überzogen ist, auch das Gesicht des Kindes in ähnlicher Weise. Hintergrund, Heiligenschein, Krone und Kleidung ist von den Rissen ausgenommen. Ja, ...als hätte man es übermalt, laienhaft restauriert.

Das Gesicht war dunkel und düster. Man konnte die Details darin kaum erkennen. Ich guckte noch genauer hin - und stellte fest: Mit jedem neuen Blick änderte sich der Gesichtsausdruck.
Erst sah sie aus als hätte sie die Augen geschlossen, teilnahmslos, als würde sie schlafen, wie eine Tote, jemanden, den es gar nicht (mehr) gibt, eine andere Welt... ist sie deswegen göttlich, weil es sie gar nicht (mehr) gibt? Ist das Nichtexistente das Göttliche, gerade weil es es nicht gibt, hervorgebracht aus meinem Ich, konstruktiviert ... und gerade deswegen gibt es sie, weil es sie nicht gibt - durch mich, den Betrachter. Schrödingers Madonna?
Ich guckte wieder hin: Die Augen waren doch offen! Sie sah mich an. Ein trotziger Zug lag um ihre Lippen und Kinn, wie einst meine eigene Mutter, abwertend, abweisend.
"Was passt dir an mir nicht, und was sollte sein, was möchtest du, was ich tue?" begann ich einen gedanklichen Dialog.
"Du könntest andere glücklich machen" vermeinte ich als Antwort zu empfangen.
Ich stockte. "Was habe ich davon? Die anderen interessieren mich nicht."
"Eine ehrliche Antwort" gestand sie mir zu.

Enttäuscht waren wir beide. Zeit meines Lebens suche ich nach der numinosen Figur, die mich bewertet, eine Aufgabe für mich hat, mir einen Weg aufzeigt und einen Sinn in meinem Leben. Das wär jetzt nun einer gewesen, nur: Er interessiert mich im Inhalt nicht.

Ich habe verstanden: Die selbstlos mütterlich-hütende Seele geht nun hin und macht andere glücklich. Es ist bereits ihr Weg das Ziel, denn sie freut sich an der Vorarbeit. Führt diese zu einem Ergebnis, die anderen erhielten einen Vorteil, eine Gabe, eine Hilfe, eine Erlösung, so beschriebe dies den Erfolg. Ihre Seele würde sich am Glück der Geholfenen erwärmen. Die Seligkeit wäre bei ihr, der mütterlichen Seele.
Nicht so bei mir, denn ich bin nicht mütterlich. Die anderen, der Weg, die Arbeit, das Resultat - interessieren mich nicht, das gäbe mir nichts, es zählte für mich nur der Pluspunkt auf der Liste, den/die es aber nicht gibt.
Ich bin Narziss, und ich habe es satt, Göttern erklären zu müssen, was das bedeutet.
Ich bin hier an der falschen Adresse. Weiterhin bin ich also auf der sehnsüchtigen Suche nach dem/dasjenige(n), der mir diese Liste endlich bietet! Das "Leben" lasse ich dabei gerne aus, ist eh nicht mein Ding. Das liegt an meiner Persönlichkeit, aber diese ist halt nun mal so.

Hat hierzu noch jemand Fragen? *mit gezücktem Dolch provokativ in die Runde fauch*

Zudem: Die Erwartung eines göttlichen Wunders bzw. einer numinosen Seltsamkeit ist falsch. Es geht nicht um überirdische Erscheinungen, weder Himmel noch Erde tun sich auf, schmeißen feurige Blitze aus oder erschreckende Gestalten, sondern jegliches Ereignis ergibt sich aus dem natürlichen Banalen in irdischer Kausalität. Das Göttlich-Geistige liegt allein in der Interpretation des eigenen Denkens.
Das wusste ich eigentlich schon als Jugendliche, nur weiß ich's heute irgendwie in "tieferer Ebene". Man wird also tatsächlich bereits mit allem Wesentlichen geboren, im eigenen Charakter liegen Wegweiser, Bedürfnis, Energie, Erkenntnis, Interpretation und Erfüllung, man muss sich nur selbst leben.
Schwer enttäuscht bin ich da vom Leben und dem Sein, weil ursprünglich hätte ich schon gern "irgendwas" gefunden, etwas Größeres, Höheres, nicht nur mich selbst.

Auch wenn nun das Ergebnis im Einzelnen eher ernüchternd ausfiel, war das Wesentliche doch, dass es überhaupt ein Ergebnis gab: Ja, ich habe etwas verstanden.

Ich lief den Berg wieder hinunter und erreichte schließlich das Naglfar. Ich schloss auf, stieg ein, setzte mich ans Steuer und startete. Würde ich mit dem Tank noch bis Nürnberg kommen? Bevor ich dann wieder auf der Autobahn rumsegelte und die nächstbeste Tankstelle anfahre, die sich bietet, sollte ich lieber in Regensburg tanken. Ich fuhr deswegen Richtung Innenstadt. Die Türme des Doms hoben sich aus dem Häusermeer. Sollte ich vielleicht noch bleiben, mir die Stadt anschaun?

Ich tankte an einer Avia-Tankstelle, fuhr auf die Autobahn und segelte heim nach Nürnberg. Dort stieg ich um aufs Röhrle, ging noch einkaufen, danach die Katzen füttern und fuhr über den Ring heim. In Nürnberg war grottenschlechtes Wetter, es regnete und war gefühlte 10 Grad kälter als in Regensburg.