Freitag, 22. Mai 2026

Viktorianisches Frühstück

Ich schlief ansonsten wieder recht gut. Chillig wachte ich auf und stellte fest: Der Wohnmobile waren noch mehr geworden. Da hinten stand eins und vor mir noch zwei, die sogar den Campingtisch rausgestellt hatten mit Blumentopf drauf. Davor stand noch ein holländischer Camper, aber der schlief noch bei runtergezogenen Rolladen. Eigentlich wundere ich mich, warum nicht noch mehr da standen, weil der Platz hier ist wirklich super. Ja, hier geht's langsam zu wie auf dem Campingplatz .

Beim Frühstücks-googeln stellte ich fest, dass das viktorianische Frühstück nur für den Freitag angesagt war, am Samstag war gar nix. Also musste ich mich sputen! Ich stylte mich, schmiss mich in die Gothic-Klamotten, schnürte mir das Mieder zu (ich hatte ja jetzt so schön abgenommen ) und lief vor zur Straßenbahnhaltestelle. Die Linie 2 fuhr von hier aus genau in den Cetkins-Park, ich musste nicht einmal umsteigen. Ich folgte dem schwarzen Strom der Leute aus der Straßenbahn und war bald im Park.

Da rief mich schon der Charly an, ob ich da sei, wo ich genau sei und dass wir uns wohl schon irgendwo sehen werden in dem großen Gewühl der Massen von Leuten. Tatsächlich tippte mir kurz drauf jemand von hinten an die Schulter, schon hatte wir uns gefunden.

Der Charly war heuer nicht mittelalterlich gewandet. Bis zur schwarzen Kluft hat er es aber noch nicht geschafft, sondern er erschien "in zivil". Damit fiel er immerhin nicht ganz so auf wie mit seiner Mittelaltergewandung. Wir standen eine Weile zusammen rum und ließen uns von anderen fotografieren, aber auf den Fotos waren immer die Füße abgeschnitten. Drum habe ich oben mal gleich meine wunderschönen Gothic-Spikes gepostet, sie sind bereits über 25 Jahre alt, krass, oder?

Die Fotos sind natürlich beim Charly auf dem Handy. Er hat gesagt, er schickt sie mir. Aber das dauert bestimmt bis mindestens morgen, zudem ist der Empfang recht mies, das Netz ordentlich überlastet.

Die Gothics werden älter. Ums Millenium rum waren sie alle grad mal 20, jetzt gehen sie auf die 50 zu. Ich war ja immer schon die Älteste unter ihnen, aber dieses Mal nicht: Man kann auch aus einem Gehwagen richtig was Gruftie-mäßiges machen, super ! Die Frau macht mir Mut .

Ansonsten gibt's zu sagen, dass irgendwelche brinolen Idioten nie merken, dass sie grad 5 Fotografen im Bild stehen, sich einfach hinstellen und drauf gaffen und gar nicht auf die Idee kommen, dass das tolle Stück vielleicht grad fotografiert wird?

Ansonsten werde ich hier noch all die Bilder reinhauen, die ich gemacht hab. Weil es aber über 30 Stück sind und mein Datenvolumen nur noch bei 2 GB liegt, mach ich das zuhause aus dem echten WLAN; da hab ich dann auch hoffentlich die Bilder vom Charly. Hier wird es also nächste Woche noch einen Nachtrag geben.

Leipzig, Völkerschlachtdenkmal

In der Nacht habe ich sehr schlecht geschlafen, denn dass der Laptop nimmer lief, ärgerte mich ungemein. Ich kann doch nicht alles mit der Hand schreiben? Bis ich zuhause sein würde, hatte ich doch die Hälfte schon wieder vergessen. Was mach ich bloß? Der Laptop ist 4 Jahre alt, noch nicht alt, aber auch nicht der Neueste, und ich beschloss, mir einen neuen zu kaufen. In aller Früh googelte ich auf dem Handy nach dem nächsten Media Markt. Der war doch rund 10 km entfernt, fürs Fahrrad zu weit, mit den Öffis bräuchte ich 40 min, eher jedoch das Doppelte, weil wie ich mich kenn, steig ich wieder in die falsche Bahn und so... . Eigentlich wär ich schon gern noch in Halle geblieben, zudem wollte ich mir die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Bergmannstrost noch angucken, die hab ich doch jeden Tag auf dem Schreibtisch liegen - naja, deren Arztberichte, mein ich. Aber ich beschloss, abzureisen Richtung Media Markt.

Halle ist eine schöne Stadt, aber leider endlos verschmiert mit Graffiti. Hier steht's, was dahinter steckt: "mir egal" Sie achten nicht das Eigentum, nicht die Schönheit, nicht das Historische, nicht das Edle, selbst wenn sie es erkennen: alles egal. Wie siehts denn aus mit dem Gemeinwesen, der Gesellschaft, den anderen Leuten und dem Volk, für das solche Typen doch immer gern bei jeder Demo "auf die Straße gehen"? Auch egal? Fassen wir's zusammen: "Andere Menschen interessieren mich nicht, ihr seid mir egal, mir ist nur wichtig, irgendwo rumzuschmieren, weil das finde ich lustig."
Ich bin der Meinung, man sollte sie zur "Strafe" bis auf die Unterhose ausziehen, Spraydose nehmen und auf die Haut sprühen: "mir doch egal" Das fände ich lustig .

Die allgegenwärtigen Graffiti machen leider einen sehr heruntergekommenen Eindruck, hier siehts ja aus wie in Connewitz .

Ich dieselte davon und landete kurz darauf bei Media Markt. Ich guckte mir dort die Notebooks an und hatte mich schon für eins entschieden, holte den Verkäufer, erzählte ihm erst mal, dass mein Laptop tot ist, woraufhin dieser vorschlug, das sollte man doch erst mal prüfen und ob ich ihn dabei hätt. Ja freilich, im Auto, ich hol ihn mal schnell! Der Verkäufer steckte ihn an sein Ladekabel und siehe da: er lud . Also war bloß das Kabel hie, wie schön! Leider hatten die dort im Media Markt Halle keine Ladekabel mit Autostecker .

Also fuhr ich weiter nach Leipzig zum Media Markt. Der ist dort mitten in der City. Man kann mit dem Auto bis vor die Tür hinfahren, was für eine schöne Stadt! Wenn ich da an Nürnberg denk, wie autofeindlich die sind, man muss sich als Nürnberger echt schämen.
Naja, also man kann zwar zum Media Markt hinfahren, aber nur im Parkhaus parken, also nix für dicke Autos wie dem Naglfar. Ich fuhr also ein paar Straßen weiter und parkte dort. Da hätt ich zwar auch nicht reinfahren dürfen, aber die Nebra-Brücke hatte ja schon gezeigt: Ich wiege gar nicht viel, bestimmt nicht 3,5 Tonnen .

Ich holte das kleine Fahrrad aus dem Laderaum und radelte zu Media Markt.

Aber auch im Leipziger Media Markt hatten sie kein Ladekabel mit Auto-Stecker . Ich hatte die Schachtel mit dem 220-V-Stecker in der Hand und überlegte hin und her: wohin könnte ich den stecken? Ich müsste das Naglfar auf einen Campingplatz mit Stromsäule stellen, aber dann zahl ich mich ja dort wieder doof. Zudem kostete so ein Kabel 49,90 € . Dabei hab ich doch ein solches, nur leider liegt es daheim . Ich legte die Schachtel wieder zurück und lief vor zum Service: Ja, sie könnten mir ein solches Kabel bestellen, das käme aber dann erst nächste Woche an. Na, das kann ich nicht brauchen, da bin ich schon wieder daheim!

Wenn ich mir übers Handy ein solches Kabel auf Amazon bestell, krieg ich es spätestens morgen. Ich könnte es mir an eine Packstation schicken lassen. Nur leider krieg ich dann meinen Abholcode per Post zugeschickt, nach Hause, und könnte es also nicht abholen. Selbst wenn der Code per Mail kommt: Ich habe grad keinen Zugriff auf meine Mails, denn die Mailbox ist auf meinem Laptop und auch auf meinem Handy komm ich an die Mails nicht ran, weil die Passwortliste hab ich nur auf Excel, kann sie also auch nur am Laptop einlesen . Da beißt sich doch echt der Hund in den Schwanz! *ärgerärgerärger*

Ohne Kabel radelte ich zurück zum Naglfar. Ich steckte das alte Kabel wieder an und probierte es nochmal, und siehe da: er lud ! Vermutlich hat er einen Wackelkontakt, keine Ahnung, wie oft er noch mal lädt, aber immerhin wurde er jetzt voll . Die nächsten beiden Blogeinträge waren gerettet!

Glücklich fuhr ich zum Völkerschlachtdenkmal, während sich hinten der Laptop auflud. Mei, da kann man wunderbar parken! Es war auch noch massig frei. Um die Ecke standen LKW und Hänger, auch ein Van und da stellte ich mich dazu.

Ich zog meinen Gothic-Mantel an und lief los zum Denkmal.

Vor diesem standen zwei Gruppen Soldaten. Mei, so viele Soldaten auf einem Haufen hatte ich schon lang nimmer gesehen. Tut langsam mit Krieg, ich bin erst nächsten April in (Vor-)Rente, ich kann noch nicht weg, erst nächstes Jahr kann ich davonlaufen!

Aus ist mit Barbarossa, jetzt geht's um den Napoleon. Mit dem machen sie ein ebensolches Geschäft, naja, sie wollen halt auch von was leben, mei. Sollte ich auf den Turm hoch steigen? Ich hatte noch immer elenden Muskelkater in den Oberschenkeln, krabbelte auf den Treppen rum wie ein Behinderter .

Ich krabbelte nur außen bis auf den Sockel, aber die Stadt ist sehr groß und lag so weit weg, so besonders toll fand ich die Aussicht hier jetzt nicht.

Unten war ein Museum und natürlich auch ein Shop, wo man viel nutzloses Zeug kaufen konnte. Wenn man denn mit dem Brieföffner auch seine eMails öffnen könnte?

Na, vielleicht kraxel ich morgen auf das Denkmal, wenn mein Muskelkater vielleicht besser geworden war. Ich beschloss, ich fahr mal besser in die Stadt, ein bisschen shoppen.

Also lief ich an die Straßenbahnhaltestelle und kaufte mir dort eine Streifenkarte, 4 Fahrten für 14,40 € , noch nen Euro gesalzener als in Nürnberg. Von wegen "arme-Leute-Verkehrsmittel"?! Ich glaub, wenn ich die Strecke mit dem fetten Naglfar fahr, das ja echt insgesamt recht teuer ist, dann kostet das keine 3,60 € . Nö, ich find, da stimmt was nicht . Und - ihr Bonzen und Politik-Halsabschneider - ich meine dabei jetzt nicht, dass das Benzin noch teurer werden sollte, sondern das Leben wieder bezahlbar(er)!

Die Leipziger Straßenbahn hat voll die lachhaften Haltestellen-Ansagen: Eine honigsüße Stimme (das Schmalz trieft aus dem Lautsprecher) nennt die nächste Haltestelle, stets verbunden mit einer kurzen Werbeansage von Läden und Locations, die man da jetzt aufsuchen soll. Die Witzigste auf der Strecke, den Namen der Haltestelle weiß ich leider nimmer, aber danach kam: "Haltestelle so&so... - Ihr Lieblingszahnarzt, Kinderpraxis Wackelzahn" Ich stand mit dem Handy unter dem Lautsprecher und lachte grad raus!

Am Markt stieg ich aus.

Erste Anlaufstelle ist natürlich der Doc-Martens-Shop, gleich mal rein. Aber alles, was mir dort gefiel, hatte ich schon, zumindest so ähnliches. Also wieder raus und weiter. Ich wollte ein neues Shake, in Halle hatte ich schon erfolglos geguckt: Es gibt da eins mit Vanille und Kokos, das hatte ich mal in Würzburg gekauft, aber weder in Halle noch hier in Leipzig fand ich es. Ich kaufte ein bisschen Wolle und brauchte dazu noch Stricknadeln, aber die kosteten hier 6,50 €, Auch im Billigladen kosteten sie noch 6 €. Nein, kauf ich nicht, weil daheim habe ich das voll tolle Luxus-Stricknadelset, aber man kann selbst im Naglfar nicht alles dabei haben. F*ckt euch, ein paar Grillspieße tun's auch!

Jede Drogerie, jedes Cafe, jeder Schuhladen (sogar der Deichmann), jede Boutique und sogar jeder Supermarkt - alle waren sie hier auf Gothic ausgerichtet, spielten Gothic-Musik und hatten möglichst schwarze Sachen in der Auslage. Die Verkäuferinnen waren tätowiert und natürlich schwarz angezogen, möglichst Gothic gestylt, so gut es ging.

Durch die City kurvte das Lastenfahrrad von Amazon . Seht ihr, ihr Stadtväter (Stadtväter*Innen, Stadtmütter, Stadtelternpersonen 1 und 2, und Stadtdiversen ) von Nürnberg: Man muss nicht die Autos bashen, alle Parkplätze vernichten, hässliche Blumenkübel und Bänke aufstellen, die Zufahrten stilllegen und die City ausbluten lassen, es geht auch anders, man kann anspruchsvolle Verkehrssituationen auch einfach angemessen und sinnvoll lösen, sodass alle zufrieden sind, nehmt euch ein Beispiel an Leipzig!

Na, jedenfalls shoppte ich eine Weile, ohne wirklich viel gekauft zu haben (bin geizig geworden) und fuhr dann mit der Straßenbahn wieder heim zum Völkerschlachtdenkmal, wo das Naglfar stand. Nebenan war der Friedhof, es war ein ruhiges Plätzchen, bloß in der Nacht kamen dann lauthals labernd irgendwelche Assis daher, ließen sich auf der Bank dort nieder, feierten da anscheinend, und bald drauf fuhren hier mit quietschenden Reifen aufgemotzte Testosteronschleudern um die Kurve, hatten laute Musik (zum Glück keine orientalische, sondern nur so Disco-Popperzeug). Hee Leute, da fühl ich mich ja wie zuhause in St. Leonhard, und ich wollte doch eigentlich Urlaub machen!

Donnerstag, 21. Mai 2026

Museum der Vorgeschichte in Halle an der Saale

Es war sehr schön in Nebra gewesen, wundervoll idyllisch, so friedlich, eine herrliche Natur, aber in der Nacht hatte es weiter geregnet und am Morgen war es wolkig und sah weiterhin nach Regen aus. Was soll ich noch da, denn außer die Ausstellung besuchen konnte man hier nur noch wandern, aber nicht bei so einem Wetter . Noch bevor um 10 Uhr mein Parkzettel ablief, startete ich.

Mein neues Ziel war Halle/Saale und das vorgeschichtliche Museum, wo die echte Himmelsscheibe ausgestellt sein soll, gar nicht weit weg von hier, ca. 40 km.

Ich fuhr nicht über die zarte, marode Brücke, um das Schicksal mit Naglfars Schwergewicht nicht herauszufordern, sondern durch die Wohnsiedlung. Raus kam ich an einer Hauptstraße mit einer Tankstelle und guck an, das Diesel lag bei 1,90 €! Das war ja echt günstig im Vergleich zu den letzten Wochen. Also fuhr ich gleich rein und "stillte" das Naglfar, das seinen tschechischen Tank schon fast wieder versoffen hatte. Die Tankstelle hatte Untermieter, denn am Dach waren mehrere Schwalbennester gebaut worden.

Ich hatte mir 3 Adressen in Halle aus Google Maps notiert, wo ich mich hinstellen könnte, darunter der Stellplatz am Kleingartenverein, aber als ich hinkam, war dort nur für Kleingärtner zugelassen und unberechtigte Fahrzeuge sollten abgeschleppt werden. Da fuhr ich weiter und landete schließlich auf diesem Platz, sehr in Stadtnähe, an der Fahrstraße. Es stand schon in Google Maps, dass man Keile benötigte, aber ich hatte ja welche dabei und so stellte ich mich zwischen die beiden Vans, die hier schon parkten.

Als ich mich eingerichtet hatte und mein Shake mixte, bemerkte ich etwas krabbeln .

Jetzt hat doch so ein Wohnmobil nur vier Räder, die alle bis zum Boden reichen, aber sonst hat doch nix dran Bodenkontakt? An den paar Zentimeter eines Rades hatten sie sich hochgearbeitet, waren bis zur Achse gekrabbelt und aus dem Fahrzeugunterbau vorbei an defekter Standheizung waren sie irgendwie ins Innere gelangt, vielleicht durch die Belüftungsrohre? Allemal hatten sie mein Marmeladenglas gefunden: die Ameisen von Nebra ! Obwohl das Marmeladenglas doch zugeschraubt war, hatten sie irgendwie hinein gefunden und als ich den Deckel abschraubte, fand ich gut ein Dutzend von den Krabblern, die gerade ganz verzückt ein Marmeladenbad nahmen. Ich beförderte die blinden Passagiere mitsamt ein paar Löffeln Marmelade mal schleunigst von Bord!

Dann lief ich mal los zum Museum der Vorgeschichte, denn das sollte gar nicht allzu weit weg sein. Man kam tatsächlich gut zu Fuß dort hin, und ich ging dann mal rein. Man durfte fotografieren, aber nur ohne Blitz. Ich fotografierte wie der Teufel. Mann, wie interessant, und ich machte Hunderte von Bildern.

Im Erdgeschoss war die Sonderausstellung über nordische Schamanen, speziell über die Schamanin von Dürrenberg. Im 1. Stock ging es um die Römer, und im 2. Stock, ganz oben, wurde die Frühgeschichte gezeigt und die Himmelsscheibe von Nebra. Dass ich dank der Himmelsscheibe nun auch noch in die Sonderausstellung der Schamanin gelangt war, fand ich echt toll, denn darüber hatte ich schon einiges gelesen und mir eh vorgenommen, mir das bei Gelegenheit anzuschaun.

Hier ist sie also: die Schamanin von Dürrenberg. 1934 war man bei Bauarbeiten auf ihr Grab gestoßen und hatte das Skelett geborgen, 2009 startete man eine Nach-Grabung und fand noch einige Artefakte und Details, die nun in dieser Ausstellung zusammengefasst waren.

Mir fiel sofort das vollständige Gebiss auf. Für eine Frau im Alter zwischen 30 und 40, find ich das ja phänomenal. Mir fehlten in dem Alter schon einige Zähne, meine Backenzähne waren in ruinösem Zustand, mehrmals plombiert, einige bereits überkront. Und diese Steinzeitfrau hatte noch so tolle Zähne!

Das täuscht aber einerseits gewaltig, denn ihre Schneidezähne waren extrem abgeschliffen - vielleicht absichtlich im Rahmen eines Rituals zum Erwachsenwerden, vielleicht von der Nahrung oder sonstigen Kautätigkeit. Allemal lagen fett die Nervenbahnen offen . Sie muss höllische Zahnschmerzen gehabt haben, die Ärmste ! Zudem gelangen durch die offen gelegten Nervenbahnen andauernd Keime und Bakterien in den Kiefer. Es wird sogar gemutmaßt, dass sie genau daran verstorben sei. Echt, die Allerärmste, diese arme, arme Frau! Diese Schmerzen!

Es gäbe darüber noch jede Menge zu erzählen. Ich habe jede Anzeige und Tafel gelesen, jedes Detail genau angeschaut, Schildkrötenpanzer, Muschelschnecken, kleine Wirbel von Babys und sogar das Schulterblatt eines Igels, Reste von Federn, Zähne und Knochen von Hirschen, Wildschweinen und Auerochsen.

An ihrem Schädelknochen war eine angeborene Anomalie, sodass sie sich die Hauptschlagader abdrückte, wenn sie den Kopf nach hinten legte. Durch die mangelnde Blutzufuhr verfiel sie in komatöse Zustände und konnte sich so gezielt in Trance versetzen. In diesen Trancezuständen, die jeder schon mal hatte, sei es beim Aufwachen, Einschlafen, am Rande von Narkosen, durch Alkohol oder Drogen, bei extremer Erschöpfung, Sauerstoffmangel oder wie auch immer, da hat man natürlich ziemlich verschobene Bewusstseinszustände und hört freilich die Englein singen, die Toten sprechen oder die Geister tanzen, weiß der Geier. Die Geisterstimmen aus dem Unbewusstsein erzählen manchmal auch ganz begründete Sachen, ganz wie manche Träume, die Dinge offenbar werden lassen, die man im Tagesgeschehen verdrängt. Man stößt auf bisher unerkannte Wahrnehmungen, nicht zugelassene Gefühle, böse Ahnungen, die man gar nicht wissen wollte und ähnliches.

Wenn ich aber mit diesem persönlichen Gedanken- und Gefühlskrimskrams die gesamte Sippe beglücke und damit Krankheiten geheilt oder Kriege geführt werden sollen, also das finde ich schon sehr überfordernd . Ziemlich viel Verantwortung auf sehr dünnem Eis.

Im Erdgeschoss des Museums waren noch viele andere Sachen ausgestellt, weitere Skelette, Schädel mit Bohrungen, Waffen, Feuersteine, Keramik - es sprengt den Rahmen, hier.
Auch die Römer und die Antike im 1. Stock hätte mich schwer interessiert, aber es war schon richtig spät, und nun ging ich gleich rauf in den 2. Stock zur Himmelsscheibe.

Beim Treppen-hochsteigen hörte nun ich die Englein singen! Ich hatte von meinem gestrigen Waldlauf einen derartigen Muskelkater, das war ja nimmer feierlich! Meine Oberschenkel brannten wie Feuer und alles war total verkrampft. Ich krabbelte hoch in den 2. Stock.

Da war sie nun: die originale Himmelsscheibe. Es war kein Replik, sondern in einem extra Raum, abgedunkelt, die echte, originale Himmelsscheibe von Nebra .

Das hatten sie sehr schön inszeniert, die Himmelsscheibe ins Zentrum gerückt, darüber den Sternenhimmel an die Wand projiziert. Auf der Seite standen die Waffen und die Armspangen, die dabei gefunden worden waren.

Das hat schon was, vor der echten Scheibe zu stehen, die so alt ist und so wertvoll. Ich war ergriffen . Ich machte ein Bild nach dem anderen und wenn ich nächste Woche wieder daheim bin, muss ich mir das alles nochmal anschaun, wow.

Nach einer Weile löste ich mich von der Scheibe und guckte auch noch durch die restlichen Räume in diesem Teil des Museums. Viele Skelette und Knochen waren hier ausgestellt, von Hirschen, Elefanten, Mammuts und Auerochsen.

Da saß der Vorgänger des Neandertalers, was für ein niedlicher Kerl! Ob er wohl denkt, dass er ist ?

Es war kurz vor 17 Uhr, ich war nun über 4 Stunden in diesem Museum. Im Eifer und vor lauter Faszination hatte ich - wieder mal - nicht auf meinen Körper gehört, denn jetzt konnte ich kaum mehr stehen, wow, war ich alle! Dabei wollte ich doch noch einkaufen! Also verließ ich das Museum, es machte jetzt eh gleich dicht, und lief Richtung Zentrum.

Zu diesen Graffiti hätte ich Fragen, nämlich: Wie seid ihr denn da hin gekommen?

Ich lief also in die Stadt und fand einen Edeka. Da kaufte ich dann lauter so Mist ein, den ich durchaus brauchte, aber...: 1 kg Mandarinen, 1 Liter Milch, 1 Flasche Wein und 1 kleine Flasche Eierlikör, sowie weiteren Kleinkrimskrams, also Brot, Wurst, Brotaufstrich, usw. Der Turnbeutel-Rucksack war voll, die Träger schnitten mir arg in die Schultern, ich muss das ja jetzt alles heimschleppen, ein paar Kilometer noch bis zum Parkplatz!

Ich kapitulierte, f*ck you, Smartwatch, ich fahre mit der Straßenbahn! Also stellte ich mich an die nächste Haltestelle und stieg alsbald in die Straßenbahn. In Halle sind die Fahrkartenautomaten - praktischerweise - in der Straßenbahn drinnen. Es fährt einem also keine Straßenbahn davon, weil man noch blöd am Automaten rumdümpelt, sondern das kann man drinnen machen. Ich stieg ein. Ich wollte soeben Geld einwerfen, als ich feststellte, dass in der Ausgabe eine Fahrkarte steckte! Ich setzte die Brille auf und prüfte: tatsächlich! Das war eine aktuell gültige Fahrkarte, die nahm ich gleich an mich. Ich fuhr bis zum Parkplatz damit - das war ein ganz schönes Stück, hey - und stieg aus, nicht ohne die Fahrkarte wieder dort hin zu klemmen, wo ich sie gefunden hatte, in den Automaten, der Nächste freut sich ebenso wie ich .

Nun wollte ich eigentlich im Naglfar meine Bilder sortieren und bei einem guten Glas Wein meinen Blogeintrag schreiben, aber ich musste feststellen, dass der Laptop keinen Mucks mehr machte . Er hatte keinen Akku mehr, nix leuchtete. Ich zog und steckte den Stecker vom Ladekabel raus und rein, drückte auf alle Knöpfe, klopfte dran rum, aber nix tat sich. Ich krieg die Krise, der Laptop iss hie!!!

Das ärgerte mich nun ungemein, weil das gehört doch immer zu meinem Tagesritual, die Erlebnisse am Abend noch einmal Revue passieren zu lassen, die Bilder anzugucken und alles nochmal wiederzukäuen, wie schön es gewesen war. Oh, das ärgerte mich! Frustriert holte ich ein tönernes Mittelalter-Schnapsbecherchen aus dem Schrank - schüttete 3 Ameisen aus Nebra draus hinaus - und schenkte mir einen Eierlikör ein. Da saß ich auf dem Beifahrersitz und besoff mich sinnlos .

Brummm, da fuhr rasant ein Auto auf den Parkplatz. "Ordnungsamt" stand drauf. Vier Uniformierte stiegen aus und fingen an, die kleinen Autos vom Platz zu jagen bzw. aufzuschreiben und die großen zu kontrollieren, ob ein Ticket im Fenster lag, Ja, das tat es bei mir. Ich prostete dem Bediensteten mit breitem Grinsen zu: Wenn ich du wär, wäre ich lieber ich .