Geröhre weckte mich gegen Mittag. Ich krabbelte aus dem Bett und guckte: Ein kleiner Bagger verteilte Stroh auf der Wiese. Was war ich froh, dass ich auf festem Boden stand!
Ich kochte mir erst mal einen Kaffee. Streng verbotenerweise musste ich meinen Sirup zuhause aus der Glasflasche in Plastikfläschchen umfüllen. Extra hab ich mir da so ein paar Vitamin-Shots reingepfiffen, nur um die Fläschchen zu kriegen. Jetzt hab ich Sirup in allen Geschmacksrichtungen dabei: Caramell, Vanille, weiße Schokolade.... so ein Luxus!
Wenn man nach Süden guckte, sah das Wetter eigentlich ganz gut aus.
...zur Burg hin eher sehr düster: Da sammelten sich die Regenwolken. Die Wetter-App meldete ab 16:30 Uhr Regen bis ca. 19 Uhr, danach sollte es wenigstens trocken bleiben. Den ersten Duscher wartete ich noch ab, dann stellte ich mich vor an die Shuttle-Bus-Haltestelle. Da kam auch schon der kleine Bus. Auf dem Beifahrersitz saß ein Kerl, offensichtlich der, dem das Auto gehörte - am Steuer saß eine Frau, die den Kerl so Sachen fragte von wegen "wo muss ich denn schalten?", dass ich so Sachen fragte wie: "Fährst du das zum ersten Mal?" Soll mir auch egal sein, mein Bus war's ja nicht, und der Kerl auf dem Beifahrersitz hielt sich sehr tapfer . Komische Sachen wurde ich dann von den Mitinsassen gefragt, ob ich aus der Schweiz komm wegen meines Dialekts. Aus der Schweiz?! Ha-nüü, wie komsch'dn do drof!
Wir kamen heil oben an der Burg an.
Am Eingang übergab ich dann gleich dem Kanne seine Jacke - und auch meine Jacke, damit ich sie nicht mitschleppen musste.
Da sah ich grad noch die letzten Takte von Ondfodt. Die gefielen mir sehr gut, aber leider spielten sie nur noch zwei Songs und waren dann fertig.
Ich guckte mal rum, wer alles da war. Guck an: Pappa Dieter! Der hatte sich bei irgendeinem Konzi vor ein paar Wochen den Oberschenkelhals gebrochen, wurde daraufhin operiert und jammerte zuerst rum, sein ganzer Festival-Sommer sei zerstört, er verkaufe dies&jenes Ticket und könnte da&da nicht hin, oh weh! Anscheinend hat er es aber doch geschafft, so weit zu genesen, dass er sich mithilfe von Unterarmgehstützen auf das Dark Troll brachte. Sogar die Treppe will er hochgelaufen sein, tapfer, tapfer!
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Zudem schau ich ja von Jahr zu Jahr älter, welker und verrunzelter aus. Noch geht's, aber ich sollte mir langsam mal so eine Maske basteln, um die Leute nicht zu erschrecken .
Ich ging hinauf zur Aussichtsplattform. Der Blick ins Land ist einfach gigantisch! Von den 25 Windrädern, die die Landschaft versauen, standen 24 still. Ich verfiel ins Träumen: An jeden Flügel könnte man einen Grünen nageln zur Himmelfahrt der Scheinheiligen. Nur, den könnte man ja dann von hier aus gar nimmer sehen, viel zu weit weg.
Aber das Naglfar konnte man sehen . Huhu, Nagli!
Die Raben flogen um den Turm. In den kleinen Löchern hatten sie ihre Nester. Das ist ja wirklich sehr heimelig, so als Rabe.
Am Horizont sah man den Kyffhäuser. Kaiser Barbarossa schläft dort im Berg. Regelmäßig sendet er einen Boten an die Oberfläche, um zu gucken, ob die Raben noch um seinen Berg fliegen. Wenn sie einst fort blieben, wollte der Barbarossa aus dem Berg steigen, um die Türken aus dem heiligen Land zu vertreiben (so weit die Sage). Guck, Herr Barbarossa, die Raben sind alle hier am Turm, du kannst loslegen!
Die Geschichte find ich interessant: Warum sollen die Raben nicht mehr um den Berg fliegen? Sind Hugin und Munin gemeint? Soll für den christoiden Kaiser der alte Glaube verschwunden sein - oder sollen Erinnerung und Gedanken vergehen? Na, dann braucht es auch keinen Exodus mehr . Also, mach hinne, Herr Kaiser, so lang noch Zeit ist!
Nicht dass ich was kaufen wollte, aber ich guckte mir mal den Merch an. Sieh an, da verkaufen sie schon wieder Masken ! Drum pushen sie wohl grad das Hanta-Hanta-Kasperle, um die Altbestände des Corona-Theaters noch loszuwerden?
Trold standen nun auf der Bühne. Bitterlich kalt war es, und der arme Bub lief barfuß und nur mit dünnem Leinen auf der Bühne rum.
Längst hatte ich mir von Kanne am Eingang meine Motörhead-Jacke wieder geben lassen. Clevererweise hatte ich mir zuhause sogar noch Handschuhe eingepackt und die Stulpen von der Weihnachtsfeier in Gera, eine Mütze und einen Schal. Trotzdem war es echt kalt! Zudem regnete es auch noch immer wieder, es war wirklich unangenehm: einfach der heißeste Mai seit Beginn der Wetteraufzeichnungen - eben das klimawandelige Dürre-Paradoxon: Je dürrer es ist, desto mehr regnet es nämlich (hab ich neulich in so einem kunterbunten Kasperle-Artikel eines woken Magazins gelesen , doch tatsächlich!), weil irgendwie die Feuchtigkeit von der große Dürre nach oben gezogen wird und dort abregnet vor lauter Dürre. Ähnlich ist das wohl mit der Hitze: Je heißer der Mai, desto eisiger die Temperatur! Die war im einstelligen Bereich, man sah den Hauch vor dem Mund, und ich wartete regelrecht drauf, dass es bei der nächsten Wolke schneit.
Diät mach ich ja wieder und so hatte ich mir unten im Auto ein Wurstbrot eingepackt und ein gekochtes Ei. Das war mein Abendessen. Von zuhause hatte ich mir sogar meine Waage mitgenommen. Insgesamt habe ich schon 3 Kilo abgenommen, jede Woche eines . Das mag nun aber auch dem Schiefstand des Naglfars geschuldet sein, denn vielleicht zeigt die Waage da nicht richtig an?
Trotz einer Leggins unter der löchrigen Jeans, der dicken Jacke und der Handschuhe fror's mich. Dann auch noch das eisige Bier in der Hand, hatten die hier denn nix Warmes? Am Whisky-Stand wurde ich fündig, sie verkauften heißen Met ! Da nahm ich gleich einen Becher voll, aber lang blieb der nicht warm, nur kurz konnte ich mir die Finger dran wärmen.
Der Arsch ist nicht mehr auf dem Bild mit drauf, weil den hab ich mir schon abgefroren .
Trotz der Kälte waren viele Leute da. Ob es ausverkauft war, weiß ich nicht, aber es sah zumindest voll aus. Die Stimmung litt allerdings unter Regen und Kälte. Ein Teufelskreis: Man hatte keinen Durst, man war nicht besoffen, hatte keine große Party-Laune, moshte nicht genug, fror noch mehr.
Die Sonne hatte schon Kraft und wärmte deutlich, wenn sie schien. Das war heute allerdings selten, und hinter einer Regenfront ging sie nun auch noch unter. Das Dunkel der Wolken und das Licht der Sonne verzauberte die klare Luft und die wunderschöne Landschaft, wie malerisch! Es fehlten hier nur noch ein paar Hektar Solaranlagen, na, wär das nicht was, ihr Umweltidioten?
Also riss ich mich am Riemen und blieb. In der Umbaupause lief ich dann mal hoch in das Mittelalterlager, weil da brannten ja immerhin einige Feuerschalen. Ich stellte mich hin und wärmte mich auf: Könnt ihr noch ein paar Scheite nachlegen? Mei, das wäre alles so schön gewesen, wenn es nicht so bitterlich kalt gewesen wäre.
Da stand ich und hörte einem Buben zu, der erzählte, dass sie im Mittelalter Kriege noch aus ganz anderen Motiven geführt hätten, nicht so wie heute aus wirtschaftlichen und politischen Gründen von Allianzen der Nationen und Verbände, und dass sie auch früher nicht das Land besetzen wollten ... sondern was, Bub, sag? Sich einfach eine über den Schädel zünden, gewonnen, und wieder heim gehen? Da warst du ja offenbar bei sehr seltsamen Schlachten dabei !
Es war noch gar nicht spät, aber ich mochte nicht noch einen heißen Met trinken, weil der riss die fürchterliche Klimaerhitzung ja auch nicht wirklich rum, sondern machte bloß noch mehr balla, und ich wollte doch noch die Treppe nach unten steigen ohne zu stolpern. Also ging ich. Wolfheart habe ich also gar nicht mehr erlebt .



















