(Dieses ist ein archetypischer Bericht.)
Am Samstagabend würden in der Eventhalle Airport Angus McSix auftreten. Wenn ich denn eh schon da war...? Ich überlegte, dass ich mit dem Naglfar ja einfach stehen bleiben könnte und mir abends die (nächste) Vorstellung geben könnte, aber ich musste mir ja jetzt nicht gleich schon wieder das nächste Konzi reindrücken, denn ich hatte ja noch einen ganz anderen Plan für heute: die Ortschaft Demling, ab auf den Berg in den Wald und die Suche vom Januar fortsetzen nach der schwarzen Madonna.
Die Odyssee fing dieses Mal schon auf der Staatsstraße St2125 noch im Auto an, 7 km vor dem Ziel: "Fahren Sie gerade aus weiter und nehmen Sie die St2125." ...aber da stand jetzt mitten auf dieser St2125 eine Straßensperre mit einem Einfahrt-verboten-Schild: "Anlieger, Lieferdienste, forstwirtschaftlicher Verkehr frei". Naja, ein Anliegen hatte ich ja...? Ich fuhr um die Straßensperre herum und weiter mit meinem fetten Auto .
Es waren noch 2 km bis Demling, da war die Straße aufgerissen und nur noch die blanke Erde lag vor mir. Hm. Mit dem Röhrle wär ich durchgebrummt, aber mit dem fetten Naglfar? Dann lande ich nur wieder in einer Wiese und komm nimmer raus?
Da stand ich am Ende des Asphalts und guckte. Da hinten in der Ferne sah man PKW (die Anlieger, Lieferdienste und forstwirtschaftlichen Verkehre ), die eine schmale Feldstraße entlang schlichen. Kaum kam Gegenverkehr, stoppte einer und der andere quetschte sich mühselig an ihm vorbei. Nein, also, da brauch ich mit meinem nicht reinfahren
. Ich drehte um und fuhr zurück. Ich würde den Berg einfach umfahren und von der anderen Seite kommen
.
"Wenn möglich, bitte wenden."
Nein, ist nicht möglich.
"Fahren Sie die Nächste links, dann gleich wieder links, dann links..."
Nein.
"Nehmen Sie im Kreisverkehr die 4. Ausfahrt"
Nein.
Ich fuhr nach ca. 7 km rechts weg, in der Hoffnung, dort den Berg zu umfahren. Leider führte mich die Straße irgendwo in die Pampa, während das Navi noch immer Wendevorschläge ausspuckte.
"Etz nerv mi net!"
Ich hatte das Gefühl, die Stimme des Navi wurde dringlicher, richtig dominant - kann das sein?
"Na, dir geb ich's, jetzt fahr ich erst recht woanders hin!"
Nach einer Weile hatte ich wohl schon den 3. Berg nach Demling hinter mir. Es ergab sich aber keine Möglichkeit, nach rechts abzubiegen, um wieder auf die Spur zu kommen. Da klinkte sich das Navi ein: "Fahren Sie rechts" Ja, mach ich!
Ich kam also irgendwann endlich an die andere Seite von Demling, bei der die St2125 natürlich auch gesperrt war. Ich fuhr trotzdem rein, ignorierte alle Sackgassen- und Warnschilder - besonders die "keine Wendemöglichkeit"-Schilder - und kam tatsächlich bis nach Demling. Dort war Ende, Straße aufgerissen, da kam ich nicht weiter, aber ich konnte noch abbiegen und hier war "meine" Baustelle, in der ich auch im Januar schon geparkt hatte. So auch heute. Eigentlich ein schöner Platz, hier könnte man direkt mal campen (wenn man denn mal Zeit hätte, so in Rente, vielleicht, oder so)?
Ich sperrte das Naglfar ab und machte mich auf in den Wald. Die Karte mit allen Wegen hatte ich im Kopf, denn x-mal hatte ich mir google-maps reingezogen und alles genau abgecheckt. Also: 500 m die (aufgerissene) Straße entlang, dann 40 m Feldweg in den Wald, dann eine 90-Grad-Rechtskurve und wieder 500 m in die andere Richtung... ich lief. Hier war der Weg noch relativ gepflegt, jemand hatte sogar die umgestürzten Bäume abgesägt, um den Weg für den forstwirtschaftlichen Verkehr freizuhalten.
Die Aussicht ins Donau-Tal durch die noch entlaubten Baumkronen war gigantisch. Guckt mal: Da unten steht das Naglfar!
Reihenweise fallen hier die Bäume um. Ist auch kein Wunder, wenn die Erde drunter so unterspült ist. Das stört aber anscheinend keinen. Naja, Wildsaugebiet .
Meinen Wegbeschreibungen gemäß musste ich jetzt da sein! Genau an dieser Biegung musste die schwarze Madonna stehen.
Da war aber nix .
Ich lief noch ein Stück weiter, fand nichts, lief wieder zurück, fand auch nichts. Es hatte keinen Sinn, ich startete google maps auf dem Handy.
Oh. Ich stand lt. google-maps direkt davor.
Es war hier aber nichts .
Erst in der Vergrößerung zeigte sich: Ich war knapp daneben. Die Madonna war noch ungefähr 10 m Luftlinie von mir entfernt. Ein Weg zu ihr war eingezeichnet, aber bitte, wo issn hier ein Weg? Genau an diesem Punkt stand ich, aber ich konnte hier keinen Weg erkennen.
Hilft nix, ich ging - wie auch im Januar - ohne Weg direkt in den Wald. Ich krabbelte die steile Steigung hoch, nahm bald einen Stecken zuhilfe so als Wanderstock, erinnerte mich an Pappa Dieters aktuellen Oberschenkelhalsbruch , hielt mich an Bäumen fest und überprüfte immer wieder meine Position auf google-maps: Ich näherte mich ihr. Hier musste gleich der Weg kommen, der zu ihr führte. Aber ich fand keinen Weg. Auf einem umgefallenen, moosbewachsenen Baum hockte ich mich erst mal hin und machte kurz Verschnaufpause.
...und da sah ich sie! Ein Stück weiter oben schimmerte etwas Seltsames durch die Bäume. Das musste es sein!
Mit ganz viel Fantasie kann man auch einen S-förmigen "Weg" dort hin erkennen, mehr ein abschüssiger Trampelpfad, ich hätte ihn bestenfalls für einen Tier-Pfad gehalten, wenn überhaupt für irgendwas. Den hätte ich ja ohne google-maps echt nie gefunden!
Ich krabbelte weiter und stand schließlich vor ihr.
Alter Schwede, wie kann man denn so ein Marterl mitten in den Wald stellen, erreichbar über Trampelpfade nur für Klettermaxen? Wozu? Warum?
Es ist ja wirklich ein faszinierender Ort, die moosbewachsenen Felsen in diesem naturbelassenen Wald voller umgestürzter Bäume, sowas Uriges, das hat Flair! Ich stand ganz ergriffen davor.
Erst mal das Analytische:
Meine "Ebenholz-Theorie" musste ich hiermit verwerfen. Diese Figur war nicht aus Ebenholz geschnitzt, sondern nur 2-dimensional, gemalt. So hat das Schwarze also wohl doch mehr Bedeutung als nur Materialeigenschaft.
Das Bild war hinter Glas. Im Hintergrund stand die Mittagssonne. Der Kontrast war extrem. Zudem spiegelte das Glas das Gegenüber, den sonnenerhellten Himmel. Ich zog meine (schwarze) Jacke aus und hing sie zuerst an den verkrüppelten Baum dahinter, dann über mich und mein Handy, um die spiegelnden Lichteinfälle zu dezimieren. So konnte ich sie halbwegs klar fotografieren.
Mir fiel auf, dass die Gesichter relativ fein gearbeitet waren. Die Kleidung, Kronen, Heiligenschein waren dagegen in groben Farbtupfen und Linien gezogen, es stand im Gegensatz zur feineren, malerischen Arbeit an dem Gesicht. Es wirkte, als hätte man ein altes Bild übermalt, nur das Gesicht im ursprünglichen Zustand belassen, und die Kleidung und Umgebung im Nachhinein mit groben Pinselstrichen nachgearbeitet.
Hierzu würde auch passen, dass das Gesicht der Himmelskönigin von Konturen aus Farb-Rissen von oben her überzogen ist, auch das Gesicht des Kindes in ähnlicher Weise. Hintergrund, Heiligenschein, Krone und Kleidung ist von den Rissen ausgenommen. Ja, ...als hätte man es übermalt, laienhaft restauriert.
Das Gesicht war dunkel und düster. Man konnte die Details darin kaum erkennen. Ich guckte noch genauer hin - und stellte fest: Mit jedem neuen Blick änderte sich der Gesichtsausdruck.
Erst sah sie aus als hätte sie die Augen geschlossen, teilnahmslos, als würde sie schlafen, wie eine Tote, jemanden, den es gar nicht (mehr) gibt, eine andere Welt... ist sie deswegen göttlich, weil es sie gar nicht (mehr) gibt? Ist das Nichtexistente das Göttliche, gerade weil es es nicht gibt, hervorgebracht aus meinem Ich, konstruktiviert ... und gerade deswegen gibt es sie, weil es sie nicht gibt - durch mich, den Betrachter. Schrödingers Madonna?
Ich guckte wieder hin: Die Augen waren doch offen! Sie sah mich an. Ein trotziger Zug lag um ihre Lippen und Kinn, wie einst meine eigene Mutter, abwertend, abweisend.
"Was passt dir an mir nicht, und was sollte sein, was möchtest du, was ich tue?" begann ich einen gedanklichen Dialog.
"Du könntest andere glücklich machen" vermeinte ich als Antwort zu empfangen.
Ich stockte. "Was habe ich davon? Die anderen interessieren mich nicht."
"Eine ehrliche Antwort" gestand sie mir zu.
Enttäuscht waren wir beide. Zeit meines Lebens suche ich nach der numinosen Figur, die mich bewertet, eine Aufgabe für mich hat, mir einen Weg aufzeigt und einen Sinn in meinem Leben. Das wär jetzt nun einer gewesen, nur: Er interessiert mich im Inhalt nicht.
Ich habe verstanden: Die selbstlos mütterlich-hütende Seele geht nun hin und macht andere glücklich. Es ist bereits ihr Weg das Ziel, denn sie freut sich an der Vorarbeit. Führt diese zu einem Ergebnis, die anderen erhielten einen Vorteil, eine Gabe, eine Hilfe, eine Erlösung, so beschriebe dies den Erfolg. Ihre Seele würde sich am Glück der Geholfenen erwärmen. Die Seligkeit wäre bei ihr, der mütterlichen Seele.
Nicht so bei mir, denn ich bin nicht mütterlich. Die anderen, der Weg, die Arbeit, das Resultat - interessieren mich nicht, es zählte für mich nur der Pluspunkt auf der Liste, den/die es aber nicht gibt.
Ich bin Narziss, und ich habe es satt, Göttern erklären zu müssen, was das ist.
Ich bin hier an der falschen Adresse. Weiterhin bin ich also auf der Suche, nach demjenigen, der mir diese Liste endlich bietet! Das "Leben" lasse ich dabei gerne aus, ist eh nicht mein Ding. Das liegt an meiner Persönlichkeit, aber diese ist halt nun mal so.
Hat hierzu noch jemand Fragen? *mit gezücktem Dolch provokativ in die Runde fauch*
Auch wenn nun das Ergebnis im Einzelnen eher enttäuschend ausfiel, war das Wesentliche doch, dass es überhaupt ein Ergebnis gab: Ja, ich habe etwas verstanden.
Ich lief den Berg wieder hinunter und erreichte schließlich das Naglfar. Ich schloss auf, stieg ein, setzte mich ans Steuer und startete. Würde ich mit dem Tank noch bis Nürnberg kommen? Bevor ich dann wieder auf der Autobahn rumsegelte und die nächstbeste Tankstelle anfahre, die sich bietet, sollte ich lieber in Regensburg tanken. Ich fuhr deswegen Richtung Innenstadt. Die Türme des Doms hoben sich aus dem Häusermeer. Sollte ich vielleicht noch bleiben, mir die Stadt anschaun?
Ich tankte an einer Avia-Tankstelle, fuhr auf die Autobahn und segelte heim nach Nürnberg. Dort stieg ich um aufs Röhrle, ging noch einkaufen, danach die Katzen füttern und fuhr über den Ring heim. In Nürnberg war grottenschlechtes Wetter, es regnete und war gefühlte 10 Grad kälter als in Regensburg.


















