Gestern begann meine Reisegeschichte mit folgender Ansage: "Fahren Sie links."
Jo, mach ich ...aber halt, stopp, Moment! Liebes Navi, ich bin ein Schiff, ich bin zu dick, ich bin zu schwer und zwar um fast 2 Tonnen ! Mit dem "10" wär ich ja noch einverstanden, doch überhaupt: 10 was? Bratwürste? Goldstücke? Stundenkilometer? Aber das Naglfar ist ein 3,5-Tonner, auf diese Brücke kann ich nicht fahren
.
Links davor ging es auf eine Wendeschleife mit einer Bushaltestelle und dort stand ein großer Linienbus. Der Fahrer stand in der Tür und dattelte auf seinem Handy rum. "Wie komm ich über den Fluss?" fragte ich, aber er verstand nur Englisch. "How do I come to the other side?" On the other side bin ich nämlich ganz schnell, wenn ich auf die Brücke drauf fahr. Der Fahrer erklärte mir aber dann, dass man da bedenkenlos drüber fahren kann und vorhin schon der Bauer mit seinem Fendt samt Hänger drüber gerumpelt sei. In dem Moment kam von der anderen Seite ein Van und fuhr einfach schnurstracks über die Brücke. Na, das kann ich dann auch . Also fuhr ich drauf. Recht breit war die Brücke nicht, ich hing fast am Geländer, aber ich kam durch und drüber.
Ich landete auf dem Parkplatz der Arche Nebra. Ja, wer stand denn da schon, dieses andere WoMo kannte ich doch! Es war der Nachbar vom Kyffhäuser-Denkmal, der mir heute morgen noch sein restliches Parkticket geschenkt hatte. Die Tagesgebühr auf diesem Parkplatz lag bei 3 €. Dazu gabs ein sauberes, öffentliches Klo nebenan, also da kannste mal echt nicht meckern.
Ich machte nicht mehr viel, denn es war schon spät, und hockte mich am Abend nur noch hinter den Laptop, Bilder sortieren, Blogbericht schreiben.
Für die Himmelsscheiben-Ausstellung sollte man ca. 4 Stunden einplanen, hatte ich gelesen, also war das mein Plan für den nächsten Tag.
Zur Arche Nebra fuhr ein Shuttle-Bus für 2 €, aber die Nachbarn erklärten mir, das sei gleich dieses große Haus dort, dessen Dach man am Hügel schon sah. Na, da muss ich nicht mit einem Bus fahren, das lauf ich doch! Also ließ ich mir am Morgen erst mal ein neues Parkticket für den Tag raus, frühstückte in aller Ruhe und lief gegen Mittag hinauf auf den Hügel. Die Sonne schien und es war warm, aber sicherheitshalber hatte ich mir mein Hoodie im Turnbeutel mitgenommen und eine Flasche Limo.
An der Kasse löhnte ich 9,80 € und stieg die Treppe hoch zur Ausstellung.
Zuerst mal wurde dort die Sonderausstellung "Frauen im geteilten Deutschland" gezeigt. Auf Plakaten sah man Szenen aus der DDR und Bilder zur Wende, u.a. das Titanic-Titelbild der "Zonen-Gaby im Glück (BRD)" - was hab ich mich damals g'scheggert gelacht, weil der Witz war echt gut, die typische DDR-Maus mit Minipli-Dauerwelle und der flotten Jeansjacke vom Kaufhaus des Westens , so geil, der Joke, dass er es sogar heute noch hier in die Ausstellung geschafft hat.
...und darunter: die Rallye-Heidi in ihrem kleinen BMW 1802 - genau denselben hab ich damals gehabt, kotzgrün, ultraleicht, 90 PS, abgegangen wie eine Rakete, was bin ich damit vor dem Sugar rauf und runter gefahren .
Was mich natürlich an all dem wieder am meisten berührt: über fünfunddreißig Jahre ist das schon wieder her!
Die DDR-Frauen-Ausstellung war ganz witzig, aber eigentlich wollte ich ja die Himmelsscheibe sehen. Dabei ist die Himmelsscheibe überhaupt nicht hier, sondern im Museum für Frühgeschichte in Halle/Saale. Das hab ich gestern noch in der Hotelbettenallergiker-Gruppe erfahren und drum spontan beschlossen: Ich fahr morgen nach Halle! Genau so stell ich mir eine gute Tour vor: An diesem Ort entdecke ich, wo ich morgen hin fahr und dort entdecke ich, dass ich übermorgen da&da hin fahr... . Ursprünglich wollte ich ja nur das Kyffhäuser-Denkmal angucken, alles andere hat sich dann daraus ergeben. Das gefällt mir sehr gut
.
Zur Himmelsscheibe gab es erst mal im Planetarium einen Film. Der war recht nett und anschaulich gemacht, aber der Posten am Eingang zeichnete mein Ticket ab und sagte gleich dazu: Es darf nicht fotografiert werden . Die in der Reihe vor mir fotografierten trotzdem, aber ich hielt mich halt mal an das Verbot.
Nachdem der Film aus war, guckte ich mir im anderen Gebäudeteil die Himmelsscheiben-Ausstellung an. Jetzt war ich ja mittels des Films voll informiert: Die Plejaden sind da drauf, Sonne, Mond und Sterne zeichnen 35 Mondzyklen/Monate, und alle drei Jahre war ein Schaltmonat, so der vorzeitliche Kalender.
Am Ende der Bronzezeit, als es nach einer Kaltphase zur Klimaerwärmung kam - ja, hätten die Neandertaler nur mal ihre CO²-Steuer bezahlt, gell?! - kam es zu einer Umbruchphase und die bis dort hin so wichtige Himmelsscheibe wurde der Erde überlassen, zusammen mit einigen Werkzeugen und Waffen.
Es erschließt sich mir nicht, warum diese Scheibe so wichtig gewesen sein soll - und doch nicht heilig genug, sodass man sie nachträglich noch korrigierte um die Sonnenzyklen, die mittels der beiden Randbögen nachträglich darauf angebracht worden sind, und dass man sogar noch eine Barke dazu setzte. Also ich weiß nicht: Wenn ich irgendein altes Trumm hab und meine, ich müsste da Wesentliches ergänzen, dann mach ich halt ein Neues? Mir würde das voll widerstreben, ein altes Erbstück von meinem Vater, dessen Vater, des Vatervaters, dessen Herkunft sich in all den Generationen gar nicht mehr nachvollziehen lässt, einfach abzuändern . Aber die Vormenschen waren da wohl nicht so zimperlich.
Eine böse Sache ist allerdings diese da: Sie heißen darin "Raubgräber", die Typen, die die Scheibe fanden. 1999, naja gut, ich stell mir ein paar Kerle mit einem Metalldetektor vor, die durch den Wald spazieren, vielleicht noch Jugendliche, finden dort eine Münze aus dem Mittelalter, hier eine Patrone aus dem WK II, bessern sich ihr Taschengeld damit auf, und stoßen schließlich auf die Scheibe und die vorzeitlichen Waffen. Weil sie keinen Plan haben, um was es sich handelt, laufen sie damit zu einem Spezi und lassen es schätzen. Der bietet ihnen 31.000 DM! Hmm, was hätt denn ich gemacht? "Nein" gesagt?
Tja, danach eskalieren die Preise, der Big Deal beginnt, bis die Sache auffliegt. Jetzt hagelt es mit ganzer Schärfe der Justiz, Hausdurchsuchung, Festnahme, sogar Gefängnisstrafen, wenn auch zur Bewährung. Das ist genau das, wovor ich mich immer fürchte: Da machste irgendwas, denkst dir nix, oder zumindest nicht viel, bestenfalls als kleine Schelmerei gedacht ...und dann kracht's sowas von .
Naja, ich drehe mir die Geschichte so zurecht, dass es die "Raubgräber" waren, die "nur" die Sozialstunden einkassiert haben, sonst fänd ich es echt zu traurig .
Dagegen haben wir hier ganz was Legales und zwar im Foyer schöne Halsketten für 180 €, Ohrringe für 195 €, aber ich geh mal davon aus, da ist auch echtes Gold verarbeitet - wie auch immer, ist da ja nun wirklich wieder gar nix dabei, was ich mir gerne kaufen wollte .
Ich verließ das Arche-Gebäude und machte mich auf den Weg in den Wald zum Fundort. Der Weg führte durch ein Naturschutzgebiet, und große Käfer krabbelten über die Straße. Im Hain wuchsen Farne und Pflanzen, die wohl geschützt waren; ich wagte es nicht, auch nur ein Butzelkü mitzunehmen . Ja, so ein Farn wächst auch bei mir auf der Ranch, aber ich habe mir den Kassenbon aufgehoben und kann nachweisen, dass ich es im Gartenmarkt gekauft habe
, man weiß ja nie.
Noch schien die Sonne, und ich lief durch den Wald, der Shuttle-Bus kam mir entgegen. Oben auf dem Berg bog ich rechts ab, lief weiter, wie der Wegweiser es zeigte, und fand diesen Aufbau, ein deklariertes "Kunstwerk". Ich wollte gar nicht wissen, was sich der "Künstler" dabei gedacht hat . Warum bastelt man nicht einfach eine Stiege rein und nennt es "Aussichtsturm"? Nö, also, ich bin einfach zu pragmatisch.
Endlich war ich oben, am Ziel. Hier auf der Kuppe des Berges war in der Vorzeit die Himmelsscheibe vergraben worden. Da stand nun auch ein Aufbau, der kein Kunstwerk war, sondern tatsächlich einfach nur ein Aussichtsturm .
Innen war eine Stiege und man hätte raufkraxeln können. Ich war zu faul und zu müde. Ich setzte mich auf einen Stein, packte meine Limo aus und schnaufte durch nach rund 3 km Weg hinauf auf den Berg.
Oh.
Da kam ja eine Wetterfront!
Die hatte ich bisher nicht bemerkt, im Wald war sie mir gar nicht aufgefallen.
Zum Glück war ich eh grad nicht drauf erpicht, den Aussichtsturm zu besteigen, also machte ich nur noch ein paar flüchtige Fotos und sah zu, dass ich davon kam. Zwei Frauen waren noch auf Wandern hier oben und traten nun auch schleunigst den Heimweg an. Zum Parkplatz ginge es hier lang, dreieinhalb Kilometer durch den Wald, sagten sie. Das war kürzer als der Weg, den ich hinaufgekommen war und so lief ich lieber den Frauen hinterher.
Es ging bergab, und ich verfiel ins Joggen (völlig untrainiert, wie ich war), überholte die beiden Frauen und schnürte den Berg hinunter. Naja, bergab lief sich leichter, aber ich war erstaunt über meine Kondition, ich lief und lief im Dauerlauf, kam nicht mal groß außer Atem. Das liegt bestimmt an dem Proteinpulver, mit dem ich mir täglich mein Diätshake mixe; ich bin jetzt schon auf 66 kg (ganz stolz).
Als ich aus dem Wald kam an diesen Wegweiser, spürte ich den ein oder anderen ersten Tropfen. Oh weh, es regnet, schnell laufen laufen laufen *weiter schnür*.
So? Was nicht alles verboten ist? Wisster was: Ich scheiß drauf! Ich hatte nur nicht genug Zeit, denn es tröpfelte. Ich lief.
Als ich in die Ebene kam, fiel das Laufen schwerer und ich verfiel in (nur noch) schnellen Gang, das musste reichen. Doch..., jetzt merkte ich, ich war außer Atem. Vor mir liefen ein paar Wanderer, die hatten wenigstens Regencapes, bereits drüber gezogen, und liefen auch, was sie konnten.
Da schimmerte irgendwas durch die Bäume und Büsche, es sah aus wie Autos, ja, es war der Parkplatz, juhuu ! Es nieselte schon ordentlich, aber ich schaffte es noch trockenen Fußes ins Naglfar, Tür zu, gerettet!
...aber völlig durchgeschwitzt, patschnass, das T-Shirt zum Auswringen !
Da saß ich im Naglfar, zog mir erst mal was Trockenes an und chillte den Rest des Abends noch so vor mich hin.
10.611 Schritte! Top-Ziel erreicht, Weltmeister!













