Es war abartig heiß! Trotzdem packte ich das Fahrrad, hing den Bollerwagen dran und radelte ins Einkaufszentrum. Kurz vor dem Ziel fing mein einer Schlappen an zu schlingern, und ich stellte fest: Die Sohle hatte sich gelöst. Das war fatal, denn vor lauter barfuß in den Schuhen hatte ich mir diverse Blasen und Reibstellen an den Füßen zugezogen und die Schlappen waren die einzigen Schuhe, in denen ich ohne Socken noch laufen konnte - abgesehen von den Stiefeln, die ich noch dabei hatte, aber Stiefel bei der Hitze?
Ich schlurchte also ganz vorsichtig in das EKZ, denn dort war ein Schuhladen. Die hatte einige Schlappen da stehen, ja, die mit dem Panthermuster waren ganz nett, aber: was kosteten die? 79 €? Also mehr als max. 19,90 wollte ich da jetzt nicht ausgeben. Ich schlurchte weiter. Vorne war ein T€di und da fand ich dann für 5 € diese komischen Haifischschuhe. Genau sowas wollt ich haben, sie brauchen auch nur für 2 Festivals halten, dieses und in einer Woche noch das Wolfszeit
.
Was hatten die beim T€di noch? Naja... Wolle
. Weil ich für die Wolle meiner Wahl keine dick genuge Häkelnadel dabei hatte, kaufte ich auch noch ein Set Reise-Häkelnadeln
.
Eine Apotheke gab's auch in dem EKZ und da kaufte ich einen Soventol-Stick, denn ich war mittlerweile total zerstochen von Viechern. Was hier am Entenfang des Abends für Pferdebremsen und Wiesenflöhe rumfliegen, das ist gruselig! Vom Party San hatte ich noch immer zwei Wespenstiche im rechten Arm, mein geschwollener Knöchel war immer noch dick und überall juckte es mich (dabei hatte ich gestern geduscht, also vom Dreck konnt's nicht kommen ).
Da saß ich im Schatten vor dem Naglfar und häkelte. Es war so heiß, dass ich aus jeder Pore schwitzte und sogar die Finger klebrig vom Schweiß waren, sodass die Wolle rieb.
Mensch, wer hat denn schon eine Eisdiele direkt vor der Haustür ?
Bei der Hitze mochte ich echt kaum aufstehen. Ich trank zwei Packs Ayran und ein alkoholfreies Radler nach dem anderen, musste aber gar nicht aufs Klo, jegliche Flüssigkeit verflüchtigte sich irgendwie einfach so. Da saß ich also und häkelte bis abends. Ich parkte ja so schön weit vorne und hörte das ganze Programm. Hee, das hat echt was: chillig im Campingstuhl sitzen, häkeln, futtern und saufen, Musik hören und die Leute angucken, die hier vorbei kamen.
Das schwarze Stella ist sehr "bunt". An den Zelten hängen überall Regenbogenfahnen. Gegenüber campten ältere Leute aus Österreich. Ein Südtiroler erklärte seinen Gesinnungsgenossen gerade lauthals in breitem Slang, dass es zwar Meinungsfreiheit geben müsse, aber die faschistischen Meinungen gehören verboten, das seien für ihn alles Nazis!
Was fällt mir nun dazu ein:
- Aus Österreich kommt selten was Gutes, gerade in der Hinsicht
.
- Lieber Ösi, komm doch mal zum Deutschrock-Festival und reiß dann die Klappe so schön auf wie hier unter Deinesgleichen. Das wäre mutig
.
- Meinungsfreiheit ist super, aber nur für die eigene Meinung, oder was? Gegenstimmen gehören verboten?!
Solche Meinungen finde ich fast ein wenig beängstigend . Jeder, der des Ösi's Meinung zur eingeschränkten Meinungsfreiheit nicht teilte, war seiner Meinung nach also ein Nazi. Und was machen so die Nazis? Sie chillen im Campingstuhl gemütlich vor sich hin und häkeln
.
Undercover-Nazi, der ich war, passte ich meinem Style an, um nicht aufzufallen: Ich krempelte wegen der Hitze das Shirt hoch bis unter den BH und ließ mir meine mittlerweile wieder recht stattlich gewordene Wampe raushängen (nach dieser Tour, wenn ich zuhause bin, wird wieder Kohlsuppendiät gemacht!), pflunzte in kurzen Hosen breitbeinig herum und scherte mich nix um meine runzlige Orangenhaut, die da schlaff um mir rum hing, hatte ein knappes Trägershirt an und nix drunter und ließ mir mit Mitte 60 noch das Dekollete raushängen. Ja bittschön, die "Bunten" wollen das doch so, oder? Da habt ihr euren Augenkrebs!
Erst gegen halbacht ging ich mal vor zur Bühne. "Ladys and gentlemen…" begann die Ansage. Ja, also da fühl ich mich nun schon diskriminiert, ich werde mich beschweren: Was ist mit den Gentlediversen?
Es traten dann Potochkine auf, ein Duo aus Frankreich. Sämtliche Musik war elektronisch erzeugt, das machte der Junge am Computer. Das Mädchen sang dazu. Ja, so insgesamt hörte sich das ja schon ganz gut an, wenn man grad in der Stimmung dafür ist, aber ich find das schon etwas befremdlich: Macht es einen Unterschied, die elektronische Musik von der Festplatte abzuspielen oder sie genau jetzt im Augenblick erst zu generieren? Das ist ja irgendwie so, als wenn ihr mir beim Tippen zuseht, statt den fertigen Blogbericht zu lesen?
Da flog etwas direkt an meiner Nase vorbei und landete vor mir im Staub. Ich hätte es sonst gar nicht gesehen. Es waren zwei Libellen beim Liebesspiel
. Sie waren so darin vertieft, dass ich sie ganz aus der Nähe filmen konnte, und ich blieb so lange dort hocken bis sie fertig waren und nacheinander davonflogen, nicht dass noch einer versehentlich drauf trat.
Die einzige Band des heutigen Line Ups, die ich kannte, waren Corvus Corax. Die kamen direkt nach dieser elektronischen Synthesizer-Band und passten da echt nicht her
. Ich glaube, das wussten sie auch, zudem war das Publikum vor der Bühne recht dünn geworden und hatte sich weiträumig verlaufen. Was macht eine Band, die weiß, dass sie nicht gut ankommt? Sie spielt Sauflieder! Das kam jetzt aber bei den Gothics auch nicht so an, denn die saufen eigentlich gar nicht. Ich glaub, CC waren froh, als ihr Auftritt vorbei war.
Ich fand dann bei der nächsten Band den einen Dudelsackspieler in schwarzen Klamotten neben mir im Publikum stehen. Was sich hier alles inkognito unter die Leute mischt, also ts ts .
Die nächste Band hießen Sisters of mercy, äh … Soror Dolorosa
. Den Namen fand ich echt witzig. Es war keine Coverband, sie spielten eigene Lieder, allerdings sehr im Stil der Sisters. Das hörte sich ganz nett an.
Die Jungs waren klapperdürr, also echte Hänflinge - und erz-narzisstisch. Einen gewissen Narzissmus braucht man ja auf der Bühne, aber das waren echt die Prototypen, besonders der Sänger. Er hatte recht rundliche Hüften, trotz seiner Dürre einen sehr schwabbeligen Rumpf. Wahrscheinlich wurde er hormonbehandelt und wollte mal ein Mädchen werden, wenn er groß ist . Er hatte eine Sonnenbrille auf der Nase, skinny Hüftjeans an und stylischste, spanische oder brasilianische Cowboystiefel, die waren richtig teuer, das sah man ihnen an.
Ein Fotografen-Mädel stand im Graben und himmelte ihn an. Das Mädel war sehr, sehr hübsch, tolle Figur, lange Haare und sie tanzte da unten vor ihm rum. Er würdigte sie keines Blickes.
Ich beobachtete den, fand das faszinierend: Woran wollte ich da so sicher den Narziss erkennen? Am Anfang des Gigs war er nervös und hüpfte ständig umeinander. Die ältere, blonde Fotografin mit den schwarzen Rosen im Haar versuchte verzweifelt, ihn zu erwischen, aber er sprang so hektisch auf der Bühne rum, blieb keine Sekunde still stehen, keine Chance auf ein Foto. Es waren Gesten und Mimik, wie er das Mikro hielt, wie er sich in Pose warf, aber vor allem die Beine: dieses x-füßige, besonders coole Gestell, so mach ich das auch oft, so leicht die Füße etwas anwinkeln, die Hüften dabei etwas nach vorn gedrückt, boah, ich bin die Allercoolste, boah, er ist der Allercoolste … und er brauchte keine Bestätigung, guckte nicht mal hin, wie das Foto-Mädel ihn anhimmelte, interessierte sich nicht für das Publikum, brauchte es aber doch und spielte das "Spiegelspiel" - wie ich das auch immer mache: Es interessiert mich nicht, was die anderen wirklich von mir halten, aber sie müssen da stehen, denn ich projiziere mich in sie und stelle mir vor, was ich jetzt in mir sehen würde, wäre ich die da. Das ist natürlich nur: wow, cool, klasse, super! Was die wirklich sehen, ist scheißegal. Genaugenommen gibt es die gar nicht, es sind nur Statisten, Figuren, der einzig Existente bin ich - ganz alleine, Zentrum meiner Welt, es soll keine anderen Götter geben neben mir. Ja gut, würde das Publikum "buh" rufen, würde es das Bild dann durchaus stören, taten sie ja aber nicht, denn die Band war zudem gothicmäßig recht gut.
Um halbeins kam noch eine letzte Band, aber die sparte ich mir, war dann doch müde und ging heim zum Naglfar.
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