Sonntag, 17. August 2025

Stella Nomine am Samstag

Das Wetter hatte umgeschlagen. Es war deutlich kühler geworden. Ich war die Hitze nun gewohnt und fror fast ein wenig. Aber so war es natürlich wesentlich angenehmer, denn nun konnte man sich auch mal bewegen ohne gleich einen Schweißausbruch zu erleiden.

Hinten über dem Wald flog ein Drachen. Der war wohl an einer langen Schnur an einem Camp oder Auto festgemacht, aber er hielt sich den ganzen Tag im Wind oben.

Ich saß vor dem Naglfar und häkelte aus der neuen Wolle vom T€di eine Mütze. Es soll eine Herbstmütze werden und das ist jetzt erst mal die Basis. Darauf kommt noch Moos aus grünem Filz auf die Krempe, Laub und Herbstblätter drüber und vielleicht der ein oder andere Fliegenpilz dran, mal sehen. Die Feinheiten mach ich dann, wenn ich zuhause in Nürnberg bin. Da hab ich ja auch genug Restwolle genau für so einen Firlefanz.

Der Nachbar von gegenüber kam vorbei und sagte: "Gehst du eigentlich auch mal vor?" "Ja freilich, abends dann." Ich hab das früher bei den Summer Breezern nie verstanden, den ganzen Tag hockten sie im Camp, futterten und soffen, und erst abends gingen sie dann mal aufs Infield. Aber jetzt hab ich's kapiert und mach das jetzt genauso, weil nachmittags ist doch eh noch nichts los, da kommen noch nur No-name- und Low-budget-Bands. Wenn dann abends die guten Sachen kamen, war ich ja immer schon ausgepowert und hatte keinen Bock mehr. Drum zog ich das jetzt auch mal so durch: Nachmittags hockte ich am Naglfar und häkelte. Weil ich so schön weit vorne stand, hörte ich ja alles und kriegte auch vieles so mit. Abends, wenn das Licht zum Häkeln langsam zu finster wurde, ging ich dann auch vor.

Heute guckte ich mir wenigstens schon mal um 16:15 das Programm an, weil meine Mütze war fertig gehäkelt und was Neues mochte ich jetzt nicht noch anfangen.

Mit meinem Stuhl zog ich vor aufs Infield und gucke mir Ann my guard an. Hm, ich hätte ja mein Häkelzeug mit vor nehmen können?

Die Feuerwehr kam wieder angefahren und spritzte die Leute mit Wasser voll. So heiß war es aber gar nicht mehr und mich störte fast der Tröpfchennebel, den es schubweise bis zu mir rüber wehte.

Ich hab ja zumindest am Abend immer meinen Gehörschutz in den Ohren. Aber es gibt Leute, die stehen direkt vor den Boxen und tragen ein Hörgerät . Na, das ist ja Hörschaden extended!

Ich hätte nicht schon nachmittags vor die Bühne gehen sollen, denn jetzt wurde es mir schon langweilig . Ich spazierte ein bisschen hinter an die Wiese, wo die Schäfchen weideten. Irgendwie zog mich alles ein bisschen runter. Mein Brot im Kühlschrank war verschimmelt, ich trank fast bloß noch alkfreies Radler, weil auf Bier hatte ich gar keinen Bock, das passte auch nicht zu Gothic, und "kalt" war's mir mittlerweile auch geworden.

Dann kam eine Band, die meine Stimmung wieder ein bisschen rausriss: Silvaine. Die Sängerin growlte zwischen Klargesang, das hörte sich super an. Ich hab ja den Verdacht, das ist die Sängerin von Slaughtercult, die da ein Zweitprojekt fährt, hä . Auf jeden Fall gefiel mir das zwischen all dem Electronic und Industrial recht gut.

Auf der Wiese stand ein Auto, das guckte mich ganz bös an . Im Intervall wechselte es seinen Blick, mal zwinkernd, skeptisch, schmollend und lustig.

Jetzt war wieder so ein Zwei-Mann-Projekt auf der Bühne. Einer spielte am Keyboard, der andere am Computer und am Mikro. Oh Mann und sie spielten dann diesen "uralten" Gothic-Song aus Millenium-Zeiten, es führt kein Weg zurück: "Weißt du noch, wie's war - Kinderzeit, wunderbar … und irgendwann ist auch ein Traum zu lange her." An den Song dachte ich die letzten Jahre echt oft, denn es ist wahr: Selbst Träume sind irgendwann zu lange her und verfliegen wie Nebel im Sonnenschein, ohne etwas zu hinterlassen.

Ich glaub, der Heppner war der von Wolfsheim, aber er sang auch "die Flut" vom Joachim Witt, dem goldenen Reiter - und der ist ja nun wirklich zu lange her. Allemal stand er da am Mikro, mittlerweile ein alter Mann, er hatte sich nicht mal die Mühe für einen guten Style gemacht, trug nur ein helles Hemd mit Streifen, keine tolle Frisur, keine Schminke, und seine Stimme war nicht mehr wirklich gut.

Aber berührt haben mich die alten Songs durchaus. Was heißt hier "alte Songs". Die Gothic-Szene ums Millenium rum war ja schon mein "zweiter Frühling", ich war damals schon um die 40. Drum tat's mir auch nicht gar so weh, als das alles dann wieder abebbte, weil ich hatte das andauernde Schwarz tatsächlich langsam auch satt und labelte wieder um über Mittelalter zurück auf Rock und Metal. Aber die ganzen schwarzen Youngsters taten mir echt arg Leid, denn Gothic war eine tolle Welt, die damals unterging ... bis auf die spärlichen Reste der Grufties, die bis heute herum-gruften und ihrem Namen immer mehr "Ehre" machen .

Naja, da überkam mich - typisch für den letzten Festival-Tag - wieder die große Depression mit dem Thema Ende, Vergänglichkeit, Tod. Ich ging ins Naglfar und hörte mir von dort noch Das Ich an, die natürlich auch die ganzen alten Sachen brachten von "des Kaisers neue Kleider" bis "die Todgeweihten grüßen dich", mein süßes Blut verfault im Sand...

Ein As hab ich noch im Ärmel, nämlich nächste Woche das Wolfszeit. Da hab ich fast ein bisschen Angst vor dem allerletzten Tag .

Keine Kommentare: