Ich war schon lang nimmer fort , schon 9 Tage her. Da hockte ich mich ins Naglfar und fuhr nach Uehlfeld auf das Aischgrunder Thing. Zum Wochenende sollte das Wetter ja jetzt endlich wieder schöner werden, denn die letzten Tage war es recht trüb und für meine Begriffe viel zu kalt. Da half auch kein hysterisches Mediengeschrei von Höllenglut und Jahrhundert-Dürre - mich fror es sogar stellenweise, und meine Wasserkübel auf der Ranch liefen übrigens schon über vor lauter "Dürre". Unglaublich, was die Leute für einen Mist glauben, obwohl sie mit eigenen Augen doch was ganz anderes sehen (sollten).
Ich fuhr jedenfalls in die "völlig ausgedörrte, gluthitzegeschädigte", fränkische Pampa. Die Landschaft war so schön, dass ich dann auf der Landstraße hielt und ein paar Fotos machte. Also wohnen wollte ich hier ja nicht um alles in der Welt, ich ginge ein wie eine Priemel, aber so zum dran-vorbeifahren find ich das richtig herrlich.
Ich fand das Mittelalterfest auf Anhieb, auch wenn die Strecke durch ein paar ländliche Gässchen führte, durch die ich kaum passte. Letztes Jahr hatte es beim Thing geregnet, und ich war hier im Sumpf stecken geblieben, sodass mich der Bauer mit dem Traktor rausziehen musste. Trotzdem fuhr ich dieses Mal frohen Mutes wieder auf die Wiese. Andere hatten sich lieber weiter oben bei der Scheune auf befestigten Untergrund gestellt, aber es war ja für dieses Mal kein Regen gemeldet, und so stellte ich mich direkt hinter die Zelte der Lagergruppen.
"The city's ripped backsides" schauen dann ganz anders aus als von vorn: Da kommen die Stilsünden zum Vorschein und unter Fellen und Säcken spitzt ein bequemes, dickes Luftbett hervor, und während vorne in einem Topf an einer rusigen Feuerstelle seltsame Suppe gerührt wird, sind da hinten PET-Flaschen und Dosen gelagert .
Ich gewandete mich erst mal. Dabei stellte ich fest, dass an meinem schönen, selber genähten Rock ein paar Motten geknabbert hatten: Er hatte so komische, kleine Löcher. Naja, aber im Mittelalter war das ja auch so, also macht es die Gewandung nur noch authentischer, echte A-Mottenlöcher .
Ich werde mir passend blaues Stopfgarn kaufen und die Löcher einfach stopfen, ganz wie es früher war: Im Mittelalter war es ja völlig üblich, dass auf die Kleidung Flicken drauf genäht waren. Was heißt "Mittelalter": Es war noch in meiner Kindheit ganz normal, dass unsere Strumpfhosen am Knie gestopft waren, wenn wir uns aufgeschlagen hatten. Ich erinnere mich: Waren die Socken vom Opa an den Zehen schon so oft gestopft und geflickt, dass es nicht mehr weiter zu stopfen ging, schnitt die Oma die Zehenspitze ab und strickte mit aufgetrennter Restwolle von noch älteren Socken eine neue Spitze hin. Und solche Leute müssen sich heute was von "Nachhaltigkeit" erzählen lassen?
Ich setzte mich erst mal vor's Naglfar und futterte ordentlich was, Brot, Butter und Wurst hatte ich dabei. Dezenten Kuhstallgestank wehte es daher, da vorn standen 2 Rinder und ein Pferd auf einer Weide und glotzten. Die Rufe von Hörnern und Trommelschlagen kamen vom Festplatz rüber. Mensch, ich hab mir doch letztes Jahr auch so eine kleine Schamanentrommel gekauft gehabt, wo ist denn die? Die hatte ich natürlich zuhause irgendwo in einem Schrank liegen .
Dann ging ich doch mal los an den Einlass. Das Wochenendticket kostete 17 €, absolut gut. Anderswo kostet es schon bald das Dreifache. Dabei kriegt man hier sogar echt noch was Nettes auf die Ohren, zuerst mal: Corvidae. Sooo die no-name-Band ist das gar nicht, weil die hatte ich neulich schon mal wo gesehen. Sie spielten auch richtig gut, verhältnismäßig, weil was spielt denn schon sonst auf einem Mittelalterfest? Ich will jetzt keine Namen nennen, aber ich kenn ein berühmtes Mittelalterfest, wo - bis auf 3 namhafte Headliner - größtenteils auch nicht viel Besseres spielt, sie aber 190 € für ein Ticket wollen und sich dann wundern, dass sie trotz massiver Werbung nicht ausverkauft sind.
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Leo und Gabi traf ich und saß mit ihnen im Biergarten auf ein lustiges Pläuschchen. Der Piraten-Pit kam dazu, der Minimalisten-Schamane vom Feuertanz tauchte auf - hey, da sind auch richtig gute Leute unterwegs, leider noch viel zu wenige, weil das Fest war immer noch sehr spärlich besucht. Immerhin war es schon gut die doppelte Anzahl Besucher als letztes Jahr. Es läuft halt erst an...
Weiterhin hat das Thing einen sehr privaten und heimeligen Charakter, obwohl alles toll organisiert war, sie hatten sogar einen Klowagen mit Spülklosetts und man konnte sich darin die Hände waschen. Ich hoffe, dass sich dieses Thing etabliert und was aus ihm wird, weil es ist so ein schön gemachtes Fest gleich um die Ecke von Nürnberg.
Da saß ich im Biergarten bis in den Abend rein. Guckt doch mal, was die Uehlfelder Chemtrails-Piloten für tolle Kunstwerke in den Himmel gemalt haben .
Am Abend kamen Thanateros auf die Bühne. Die spielten auch schon letztes Jahr hier, und ich vermute, sie sind wohl aus der Gegend oder irgendwo mit dem Veranstalter hier verwandt oder wie das auf'm Dorf halt so ist .
Der Mond stand nun am Himmel und beleuchtete das Konzert. Um 22 Uhr hörte die Band auf zu spielen.
Damit war's aber noch nicht vorbei, denn nun kam eine Gruppe Tänzerinnen in den Steinkreis, die trugen so Papierlampions und tanzten damit um die Mitte. Auch das Publikum wurde mit einbezogen, schon hatte man mir so eine Lampe in die Hand gedrückt, und ich tanzte mit und machte einfach immer die Schritte und Bewegungen, die die anderen auch machten - meinte ich, aber wahrscheinlich stolperte ich nur unbeholfen meiner Vorderfrau hinterher . Ich glaubte aber grad, es sah ganz gut aus. Vielleicht seh ich es ja dann nächste Woche in irgendeiner Uehlfelder Zeitung und lach mich schief?

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