Für den Vormittag war etwas Regen gemeldet, aber was dann kam, drohte den ganzen Campground wegzuschwemmen: ein bombiges Gewitter mit geschätzten 20 Litern auf dem m². Ich gehe davon aus, dass jetzt mein dreckiges Dach, auf dem ja vor lauter Fenstern, Satellitenschüsseln und Solarpanels keine Bürste hin kommt, mal sauber ist. Es blitzte ordentlich, und ich fürchtete mich fast ein bisschen in meinem Carbongehäuse. Ich setzte mich auf den Beifahrersitz, denn wenigstens das Führerhaus ist aus Blech, wenn auch nicht rundum. Würde es einem Blitz stand halten? Warum sollte sich der Blitz aber mein Naglfar zum Einschlagen aussuchen? Da hinten stand so ein protziger Morelo, der war viel höher als ich , und überhaupt war da ja noch über allem die Teufelsmauer.
Als der Regen aufhörte, lief ich mal vor zum Lichtmasten, denn dort hatte ich mit Anja und Sven einen Treff ausgemacht, damit ich meinen Bollerwagen wieder kriegte. Einige Leute bereiteten sich hier schon vor für den Opener dieses Festivaltages, Heavysaurus. Die wollte ich auch sehen! Schon öfter hatte ich von ihnen gelesen und sie waren auch neulich auf einem Konzi in unserem Nürnberger Hirsch, aber bisher war mir das zu kitschig, um einen Gig in Betracht zu ziehen. Jetzt aber, wenn sie eh im Programm standen, wollte ich mir das mal anschaun.
Ich zog mich an und lief vor zum Infield. Der Morelo stand stolz am Zaun, vor dem Trittbrett so einen teuren Campingteppich ausgebreitet. Das Teil hat nur 2 m², kostet aber über 50 €! Das weiß ich, weil ich hab auch so einen (hatte ich mir zu Naglfars Erstausstattung damals "aus Versehen" gekauft, weil er so schön war, und bin dann an der Kasse fast in Ohnmacht gefallen, huch). Bisher waren die Leute um den Teppich herum gelaufen, denn außenrum war die Wiese von den Füßen längst zu einer Sumpfkuhle zusammengetrampelt. Natürlich war durch den heftigen Wolkenbruch die ganze Straße eine einzige Schlammbahn und ich stellte fest, dass ich zuhause meine Gummistiefel vergessen hatte.
Am Infield ging's dann wieder, das war bodenmäßig noch ganz intakt. Es begegnete mir gleich die Cantina-Band, denselben Song nochmal! Guckt mal die Instrumente: eine Mini-Trompete, irgendein Dings aus einer Bierdose, eine Pfeife, ein Kinderakkordeon . So zogen die am Bierstand vorbei und pfiffen und quietschten: Wenn ihr irgendwelche Songwünsche habt...?
Da stand in der Menge die Hex' Sabine, ja sieh an, wo man die überall trifft?! Sie hatte sich eine kleine Gummi-Suggl zwischen die Möpse gesteckt und demonstrierte mir ganz stolz, dass das Ding auch quietscht *quieeeetsch*. Man müsst ein Schwein sein, auf dieser Welt (Schwein sein!) und gemein sein... *sing*.
Dann stand ich endlich vor der Bühne, auf der nun Heavysaurus auftraten, die letzten überlebenden Dinos des Metal, zuständig für die Generation "Z plus". Sie hatten extra einen Bereich abgesperrt, damit die ganzen Kinder etwas sahen, und da stand nun der ganze Metal-Nachwuchs und freute sich. So viele Kinder! Also langsam sollten Festival-Veranstalter tatsächlich über eine Hüpfburg nachdenken. Ich weiß auch schon, wer da dann sofort drauf hupft (ich!) . Und wehe, die sagen dann, mit 64 sei ich dafür zu alt, hey, dann fühle ich mich aber diskriminiert!
Rechts vom Kindergarten standen die gesitteten, reifen Erwachsenen im Dino-Gummianzug .
Ein Weilchen lauschte ich dem Gig, aber musikalisch war das jetzt eher so Glam- und Gaudi-Metal mit vielen Ansagen dazwischen. Naja, eben lustig, ideal für Kinder, Fasching oder total Besoffenen.
Leute wisst ihr schon, dass China jetzt auch der EU beigetreten ist? Hier steht's: "100% made in Europe". Sie hätten sich dann wenigstens die Mühe machen können, die chinesischen Preisschildchen abzumachen *fail* . Etwas Interesse an den Gummistiefeln bestand meinerseits durchaus, aber sie kosteten 25 €. Den Herstellerpreis will ich gar nicht wissen, und außerdem hab ich genau solche zuhause, nur viel schönere mit Leo-Muster.
Über die Area heizte wieder der Skull on wheels. Er fuhr den Mädels durch die Beine und ließ sich auch mal streicheln.
Der Morelo hatte nun sein Trittbrett eingefahren und seinen teuren Teppich reingeholt. Die Sumpf- und Trampelspur reichte jetzt bis kurz vor seine Karrosserie. Ich lief ein Stück neben dem Weg durch die Zelte, denn da gab's noch Gras, das beim Durchlaufen meine Schuhe vom gröbsten Dreck reinigte. Einige Zelte standen auch direkt am Weg, waren durch die noch einfahrenden Autos bis oben hin vollgeschlammt und auch teils etwas runter getreten. Also da wollte ich ja echt nicht im Zelt schlafen müssen.
Ich kam in unserem Luxuscamp an, wo jetzt der Pizzagrill zum Einsatz kam. "Ich bin Automechaniker, kein Koch!" verteidigte sich Sven, der die Tomatensoße mit einer Gabel irgendwie über den Teig strich. Ich schnitt Zwiebeln und Schinken, Michi holte die Paprikas aus Thomas' selber gebauter Kühlbox, aber die waren gefroren, pickelhartes Eis. Ebenso das Päckchen Salami, das wir erst mal in die Sonne legen mussten, damit es halbwegs auftaute. Noch ein Döschen Mais drüber geschüttet und ab damit in den Ofen! Es kam eine durchaus leckere Pizza raus und da hockten wir und mampften.
Bis 18:50 Uhr war ich wieder unten auf dem Infield, dort kamen nun Ensiferum. Oh, die mag ich so ! Der Gig gefiel mir total gut, sie spielten eigentlich fast nur alte Sachen, sogar "lei lei hey".
Ich hätte nun gern mein erstes Bier und lief nach Ensiferum mal an den Ausschank. Ich stellte mich in die kürzeste Schlange, rund 10 Mann lang, und hinter der Theke irgendso eine studentische Aushilfe, die anscheinend hier zu Bierzapfanlagen promovierte, aber kaum einen Krug voll kriegte . Da krieg ich ja einen Koller! Hatte ich nicht da hinten einen ziemlich verwaisten Bier-Automaten gesehen? Ich lief hin: Man konnte nur mit EC-Karte zahlen, aber das war mir grad auch schon egal, nur... man brauchte dazu einen Becher. Ich hatte heute aber noch keinen. Also quatschte ich irgendeinen Kerl mit ein paar leeren Bechern an, der grad des Weges kam, drückte ihm einen Euro in die Hand und kaufte ihm einen Becher ab.
Vor mir am Automaten standen 2 Kerle, stellten je ihre Becher drunter und drückten erfolglos auf dem Display herum, aber es kam kein Bier heraus . Der eine schaffte es nicht, der andere auch nicht. Allerdings kam gleich so ein Service-Mensch mit einem Schlüssel daher, machte den Automaten auf und bediente darin ein paar Schalter, sodass urplötzlich ein großer Schwall Bier aus dem Automaten quoll. Sofort hielt ich meinen Becher drunter, die anderen beiden auch und so kamen wir an ein Freibier. Das probier ich doch morgen gleich nochmal
!
In der Menge fand ich nun die Oma Edelgard. Die sah heute richtig frisch aus, jedes Jahr wirkt sie ein bisschen jünger, find ich. Hat sich eine flotte Frisur schneiden lassen, eine stylische Brille auf,... ob ich auch mal anfangen soll mit so einem Gehwagen? Immerhin kann man sich da überall chillig drauf setzen.
Jetzt bin ich schon 64. Auf den Videos von meinen Wildcams auf der Ranch bin ich manchmal auch mit drauf, wie ich mit der Gießkanne im Garten rumlauf, irgendein Unkraut rupfe oder die Katzennäpfe auffülle, aus der alten Schlabbergartenhose geht der Mond auf, die Wampe quillt raus. Da schau ich echt alt aus, ich erschreck manchmal, griesgrämiger Blick, Dackelbacken, Schildkrötenhals, Selbstgespräche vor mich hinbrabbelnd, meine Güte, bin das ich? ...und hier wieder das Foto aus einer ganz anderen Welt: meine Güte, bin das echt ich ?
Paradise Lost spielten jetzt. Sie waren schon mal hier auf dem Rock Harz mit demselben Problem: sie sind eigentlich eine Gothic-Band und viel zu soft. Aber sie bemühten sich mit den härtesten Songs aus ihrem Repertoire und ich fand den Gig stellenweise ganz gut.
Ich holte mal eine Runde Bier an der Tränke und hatte wieder die kürzeste Schlange erwischt, die dann aber am längsten brauchte . Das hübsche Mädel hinter der Theke war auch viel zu sehr mit Wimpernklimpern, Hihihi und Trinkgeldeinsammeln beschäftigt, und auch ganz allgemein kamen die Leute am Ausschank hier nicht richtig in die Puschen. Robert suchte mich schließlich, weil die Jungs schon dachten, ich hätte mich verlaufen. Nein, ich war grad erst dran gekommen, aber ich hab's geschafft, hier das Bier
!
Black Label Society hatte ich schon öfters mal gelesen, aber noch nie gehört. Sie gefielen mir recht gut, coverten einiges von Black Sabbath und hörten sich stellenweise wie Ozzy an. Muss ich mir merken.
Wir standen schon an vor der Rock Stage, auf der in einer Stunde dann Helloween auftreten sollten. Auf die war ich auch ganz arg gespannt. In unserer WhatsApp-Gruppe hatte Thomas nun gepostet. "Wir stehen 30 m mittig vor der Bühne". Eh, das sind doch keine 30 Meter, du siehst schon doppelt, höchstens 10! Doch freilich. Na, aber niemals! ...und so lief Thomas los zur Bühne vor, einzig und allein, um die Schritte zu zählen, wie weit der Abstand sei, aber die Leute da vorne glaubten ihm das nicht und wollten ihn nicht durch lassen. Er schaffte es trotzdem bis ganz vorne: 15 Schritte.
So vor der Bühne beim Warten sieht man ja oft ganz tolle Sachen. Schaut euch nur mal die geile Kutte an, was hat er für krasse Patches! Ein Lemmy-Patch, ja, wow, ein uralter Slayer-Patch, ein Patch von Alice Cooper, als dieser noch jung war, krass krass, was für eine Antiquität! Naja, mal ernsthaft, der Patch ist doch gut 40 Jahre alt.
Ja, vor ungefähr 40 Jahren hatte ich Helloween entdeckt. Ich habe noch heute ein paar Schallplatten in einem Karton, Walls of Jericho, Keeper of the 7 keys, aber dann traten sie von meiner persönlichen Bühne ab, weiß auch nicht, machten sie nix Neues mehr, fielen sie mir nicht mehr auf, kam ich dann auf andere Bands, und irgendwie hatte ich sie vergessen. Da standen sie nun auf der Running Order und fielen mir wieder ein!
Ich hab ja schon echt viel gesehen - bei einer Band liefen mal Pornos im Hintergrund, bei einer anderen ein Kriegsfilm, aber die Videoshow von Helloween waren echt ein Hammer, wow! Helloween stellten sich nicht einfach bloß auf die Bühne und spielten, sondern jeder Song war mit einem extra Video hinterlegt und zwischen den Songs kamen Ansagen vom Keeper der 7 keys. Das war einfach toll! Das war eine richtige Show, sowas von geil! Ich war komplett geflasht.
Leider spielten sie nur wenig altes Zeug und die meisten Songs kannte ich gar nicht. Musikalisch rissen sie mich auch nicht so weg, denn wie gesagt, ich hatte mich in ihrer Musikgeschichte irgendwann ausgeklinkt und geschmackstechnisch woanders hingelabelt.
Ein Crowdsurfer fiel mir in den Rücken. Zum Glück standen genug Kerle um mich rum, die ihn auffingen. Irgendwie lüftete sich auch da vorne das Gedränge (wo waren sie denn alle?), so dass ich aufrückte und immer weiter vor kam.
Da segelte natürlich einer nach dem anderen über mich weg, aber dann kam etwas … mir blieb echt die Spucke weg! Eine ziemlich fette Frau - sie hatte nur oben was an . Beine und der ganze Arsch lagen blank. Vielleicht war es auch nur ein Miniröckchen, das raufgerutscht war, und irgendwo steckte vielleicht doch noch ein Stringtanga zwischendrin, aber man sah ihn nicht. Die Frau war nicht nur komplett schwabbelig, sondern auch schon älter und ziemlich verrunzelt. Konnte man das überhaupt noch "Orangenhaut" nennen? Vielleicht hatte sie auch erst ziemlich abgenommen, auf jeden Fall hing ihr die Haut in Falten von den Oberschenkeln herunter, und die Arschbacken schwabbelten so als Lappen nach unten, also echt, ich war einfach nur entsetzt
. Ungelogen: Da seh ja ich noch besser aus. Also sowas hab ich überhaupt noch nie gesehen und schon gar nicht nackt.
"Was war das?" fragte der Kerl neben mir mit runter geklappten Kiefer. Der kann jetzt wahrscheinlich 3 Wochen lang nimmer.
Ja, man könnt jetzt sagen: "buh, fat-shaming!" aber das ist begründet, denn es gibt auch noch einen Begriff namens "Zumutung" oder auch nur "Ästhetik", und manche Sachen will einfach keiner mehr sehen.
Ich wühlte mich dann mal aus der Menge, dann langsam musste ich auch mal, aber an den Toiletten war die Hölle los. Ich dachte, die gucken jetzt alle Helloween und sind beschäftigt, aber sie standen in langen Schlangen vor den Klos. Ganz hinten erwischte ich noch eine Gelegenheit, wo es halbwegs flott ging, weil ich war kurz davor, mich hinter irgendeine Plane oder Tonne zu hocken.
Im großen Gewühl war es mir zu eng geworden, aber hier hinten brach natürlich die Stimmung ein, und so beschloss ich, heim zu gehen. Einen Song gab ich mir noch, aber dann trottete ich zum Ausgang. Die Wege waren nun wieder halbwegs festgetrampelt und ich schlurchte Richtung Campground "H". Auf halbem Weg fiel mir ein: Mist, ich war mit dem Fahrrad gekommen ! Also ging ich wieder zurück und holte mein Fahrrad. Ich schob es nach Hause. Nein, vom Camp zum Infied radeln lohnte sich nicht, denn wir campten viel zu nah dran.
Erster Festival-Tag: absolut top!





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