Sonntag, 9. September 2012

lauter Traumata

Freitag

Dieses Wochenende ist ein Mittelalterfest - und endlich mal in Nürnberg, nämlich im Burggraben. Da konnte ich ja dann auch mal was trinken, weil ich dort nicht mit der Trudl hinfahren muss, sondern das Fahrrad nehmen kann. Also gewandete ich mich in meine schönen Mittelalterschuhe und meinen Seppelhut vom Bärnauer Mittelalterfest und radelte los.

Ich kam nicht weit, denn schon gleich an der Schwabacher Straße liefen vor mir ein paar Jugendliche nebeneinander in breiter Front - auch auf dem Fahrradweg. Ich klingelte und rechnete damit, dass sie Platz machen, aber dem war nicht so. Ich versuchte noch, nach rechts in die Wiese auszuweichen, erwischte aber das eine Mädel links am Arm. Dadurch muss es mir den Lenker verzogen haben, auf jeden Fall bröselte es mich voll vom Rad runter auf den Fahrradweg und ich schrammte mit der Stirn drauf entlang. "Au au" sagte ich bloß und fuhr mit der Zunge über die Zähne, ob sie noch alle da sind. Mann, ich hatte voll Sand und Steinchen im Mund! Ich hob den Kopf und wollte sie ausspucken, aber da war eine ziemlich große Blutlache unter meinem Kopf, au au! Ich versuchte, mich zu drehen oder überhaupt aufzustehen, aber mein linkes Bein tat schrecklich weh. Ich blieb lieber liegen und sagte nur: "au au"

Die Jugendlichen standen erschrocken um mich rum. Dann sagte einer: "Rufen wir den Krankenwagen!" Ich hörte eins der Mädchen telefonieren und die Adresse durchgeben.

In der Zwischenzeit war ein Lieferwagen vorbei gekommen, hatte gehalten und ein Mann stieg aus. Er presste mir gleich ein Handtuch auf die linke Gesichtshälfte. Da warteten wir auf den Sanka.

Au au, es tat mir einiges weh und zeitweise meinte ich auch, ich tret jetzt gleich weg, aber ich blieb bei Bewusstsein und hörte dann auch irgendwann von Weitem den Sanka tüten. Der fuhr erst mal in die falsche Straße, kam dann wieder raus, glotzte rum und fand mich dann auch endlich - mit der Meute Leute, die da mittlerweile rumstanden.

Die Sankas klopften und tasteten mich erst mal ab, ob irgendwas gebrochen ist und dann schnallten sie mir auch so ne Halskrause um, falls ich mir nen Wirbel gebrochen hab, damit ich den Kopf nicht bewegen kann. Dann holten sie so eine Schiene und klemmten meine Beine ein, damit sie mich möglichst schmerzlos auf den Rücken drehen konnten. Au au, das tat trotzdem alles maßlos weh!

"Mein Zeug..." rief ich, und vor allem: "...mein Fahrrad!" "Das können wir leider nicht mitnehmen" sagte der Notarzt, der mittlerweile gekommen war. Der Mann aus dem Lieferwagen bot mir an, es zu mir heimzubringen, aber ich meinte, sie sollen es lieber hier absperren, ich hole es dann später. Ich geb doch mein neues Fahrrad nicht irgendeinem Fremden mit einem Lieferwagen mit! Da sperrten es irgendwelche Leute an einen Baum.

Bevor sie mich in den Krankenwagen schoben, hoben sie mir aber noch mal den Kopf und ich sah das Fahrrad und auch, dass es ordentlich an den Baum gesperrt war. Da war ich halbwegs zufrieden.

Der Sanka fuhr mit Blaulicht los, der Notarzt gab mir eine Spritze gegen die Schmerzen und bei mir drehte sich alles, hei tei tei, was für ein Scheiß-Feeling. Von dem Gerase in dem Auto wurd's mir schlecht. Endlich waren wir aber im Klinikum Süd und sie luden mich aus.

Eine Schwester zog mir meine schönen Mittelalter-Schuhe mit den Glöckchen aus. "Ich wollt aufs Mittelalterfest..." entschuldigte ich mich für meinen Kasperle-Anzug (juhu, Fasching!). Ich musste meine Ringe von den Fingern ziehen und dann auch meine Piercings alle rauspfriemeln. An die Ohren kam ich aber nicht hin, weil erstens hatte ich da diese Halskrause drüber und zweitens tat mir alles weh, sobald ich mich etwas mehr bewegte. Ein Pfleger schraubte dann die Tunnels raus und alle Ohrringe, mei, ich staunte ganz, was da alles zusammen kam. Ein Augenbrauenpiercing hatte ich doch auch noch, aber das war mir beim Sturz raus gerissen und steckte jetzt unter'm Auge, tief im Fleisch irgendwo. Keiner traute sich das wegmachen, man musste das rausschneiden, sagten sie. Dann schoben sie mich zum Röntgen.

"Schwanger sind Sie nicht, oder?" fragte mich die Schwester. "Nee", lachte ich: Ist das jetzt nicht bald peinlich, das noch zu fragen? Ich werd immerhin in 2 Wochen 51!

Zuerst röntgte sie den Kopf. Die kam aber gleich wieder aus ihrem Verschlag gestürmt, die Schwester: "Haben Sie auch ein Zungenpiercing?" Ach, ja - das hatte ich echt vergessen! "Mir bleibt nichts verborgen." sagte sie und ich drehte mir das Piercing aus der Zunge.

Dann röntgte sie das Becken: "Gebrochen ist offensichtlich nichts." sagte sie dann.

Sie zog mir so ein Flatterhemd an, entfernte mir die schreckliche Halskrause und schob mich in den Gang raus. Da lag ich nun und war schon ganz froh, den Kopf bewegen zu können.

Ich hörte eine alte Frau hinter mir quäken: "3 Stunden sitz ich jetzt schon da, ich kann nimmer sitzen, lassen Sie mich gehen!" Als sie keiner gehen ließ, meckerte sie weiter: "Wenn Sie mich hier sitzen lassen, dann schrei ich!" Weil keiner was drauf gab, fing sie an zu schreien. Auf das Gekreische gab aber auch keiner was, da fing sie laut zu weinen an. Das Gegreine verstummte dann, aber nun hörte ich einen Pfleger: "Bitte ziehen Sie doch Ihren BH wieder an!" und eine Schwester schimpfte: "Hören Sie auf, sich nackig zu machen, das ist ja obszön!" Die demente Alte ließ nicht locker und schrie wieder, dass sie hier doch nicht im Gefängnis sei und man sie doch los binden sollte (offensichtlich hatten sie sie in ihrem Stuhl fixiert), sie könnte nicht mehr sitzen. "Wir haben hier auch Leute, die können nicht einmal mehr atmen!" schimpfte eine Schwester und lief vorbei.

Ich traute mich kaum sagen, dass ich langsam mal aufs Klo müsste... eigentlich hatte ich bei den ganzen Schmerzen auch überhaupt keinen Bock, auch noch aufs Klo zu müssen. Weil sich das aber noch länger hinzog, wartete ich einen relativ stressfreien Moment ab und meldete dann einer Schwester, dass ich mal müsste. "Ich hol die Schüssel" sagte die, verschwand und kam nicht wieder.

Nach einer Weile kam dann jemand und sagte, dass ich gleich dran käm zur Gesichtschirurgin, die mein zerschreddertes Auge wieder flicken würde. Na, das konnte ich dann auch noch abwarten, dachte ich.

Endlich, endlich schob man mich dann mal an ein anderes Eck und als ich da noch ne halbe Stunde rumgestanden war, schob man mich so gegen 22 Uhr in einen Operationsraum. Ich musste nun schon ziemlich dringend, wollte aber vor dem Geschnipsel und Genähe lieber auch keinen Terz mehr veranstalten.

Die Ärztin guckte sich erst am PC so einiges an, dann schmiss sie ein grünes Tuch mit einem Loch über meinen Kopf und beguckte sich das alles erst mal ausführlich: "Es ist sehr tief." sagte sie. Na, danke! Nun begann sie, mir Spritzen ums Aug rum zu geben: ohh, wie unangenehm! Aua aua!

Die Spritzen wirkten dann aber auch mal und die Ärztin entfernte das Piercing und eine Menge Steinchen aus der Wunde. Sie wusch und tupfte drin rum - das fühlte sich alles an wie ein großer, blauer Fleck, auf dem einer rumdrückt. Dann fing sie an zu nähen. Die Operation dauerte 2 Stunden!

Nun aber... ich brauch jetzt endlich eine Schüssel, sonst mach ich in die Hose! Eine Schwester schob mir die Schüssel unter den Arsch und nun sollte ich im Liegen pinkeln. Hey, das ist, als würd man ins Bett machen! Hui, es ging fast nicht, was für ein Scheißgefühl!

Endlich war ich dann so weit fertig, vollgespritzt mit Schmerzmittel und Antibiotika und sie schoben mich auf irgendeine Station. Ich war völlig alle und schlief voll weg, war ja auch schon fast 1 Uhr nachts.

Samstag

Als ich früh aufwachte, versuchte ich erst mal, an meinen Rucksack zu kommen, den man mir aufs Nachtkästchen gestellt hatte. Ich fingerte nach der Kette, an der mein Handy hängt. Mann, jede Bewegung tat weh und kaum streckte ich den Kopf höher als 10 cm, wurde es mir schwindlig. Als ich das Handy endlich hatte, schrieb ich gleich eine SMS an die Renate. Ich hatte nur noch ganz wenig Akku und MMSte den wichtigsten Leuten noch schnell ein schönes Bild von mir mit dickem blauen Aug und Pflaster auf der Stirn.

Renate + Odin besuchten mich dann sowas um 10 und brachten mir das Handykabel mit. Ich pfriemelte auch gleich den Fahrradschlüssel von der Kette, gab ihn der Renate mit und meinte, sie soll ihn dem Ino geben und der soll am besten noch heute mein Fahrrad da hinten aus der Schwabacher Straße holen und im Hof festmachen.

Naja, Renate ging dann, dann gab's Mittagessen und ich kriegte eine Hühnersuppe (nicht, dass mir schlecht wird mit meiner Gehirnerschütterung), dann pennte ich ein wenig, da klingelte das Handy und dran war die Co.

Oh, die Co, der Unglücksbote!
Immer, wenn es was Blödes zu melden gibt oder irgendwas Unangenehmes zu fragen, dann schickt der Ino die Co vor. Lustige Sachen, z.B. Einladungen zu Partys, Glückwünsche zum Geburtstag, usw., die meldet der Ino selber.

Es war also die Co dran und sagte, dass der Ino nun die ganze Schwabacher Straße von der Kirche bis vor zum Tunnel zweimal abgelaufen wär, aber nirgends steht (m)ein Fahrrad. "Was??" entsetzte ich mich "das darf doch nicht wahr sein, das kann ich nicht glauben...!" Ich konnt's einfach nicht fassen! Das kann doch nicht sein!

Ich rief bei der Polizei an und erklärte mein Problem, dass ich grad hier im Krankenhaus wäre und doch bitte mal einer in der Schwabacher Straße vorbeifahren möge um zu gucken, ob da nicht mein Fahrrad steht. Die wollten dann mal vorbei fahren, gucken und mich wieder anrufen.

Also, das darf doch nicht wahr sein! Ich erzählte es meiner Mitpatientin und der Schwester: Das Fahrrad ist nicht mal 1 Woche alt, steht nur 1 Nacht mit einem Top-Schloss angekettet an einem Baum und ist weg!

Gegend Abend rief dann die Polizei bei mir an: sie konnten auch in der ganzen Straße kein Fahrrad finden. "Kann ich dann gleich den Diebstahl bei Ihnen anzeigen?" fragte ich. Das geht natürlich nicht telefonisch, denn da muss ich ja die Rechnung vorlegen und bla blubb. Seh ich ein. Also das darf doch wohl nicht wahr sein!

Tja, jetzt hab ich noch folgendes "Problem": Am 06.09. rief ich bei der Versicherung an und fragte nach einer Diebstahlversicherung für Fahrräder und ab wann genau das Fahrrad dann versichert sei. Die Tussi an der Leitung sagte: "Ab dem Datum, das sie auf den Antrag schreiben!" Ich füllte den Antrag aus, schrieb 06.09. rein, erteilte die Einzugsermächtigung, unterschrieb, scannte es ein und schickte es per Mail zurück. Am Tag drauf bekam ich eine Antwort-Mail, dass sie sich bedanken für den Antrag und ich sollte aber doch noch vom Händler als Vermittler einen Stempel holen und auch die Quittung für das Fahrradschloss nachliefern.

Dazu kam es nun gar nicht mehr. Ich hoffe, der Antrag gilt - vor allem mit dem Datum 06.09.

Ich krieg hier echt noch voll die Krise!

Kommentare:

Sateesh hat gesagt…

Hi Rafa,

gute, flotte Besserung für Soma und Psyche sowie viel Glück in Sachen Fahrrad- Diebstahlversicherung!

Sateesh

Anonym hat gesagt…

Ja, der Antrag gilt, denn sie haben Dir bestätigt, dass ab dem genannten Datum dein Wille zum Vertragsabschluss zur Kenntnis genommen wurde. Den Stempel vom Händler und die verlangte Quittung vom Fahrradschloss kannst Du ja problemlos nachreichen. Natürlich werden Sie sich jetzt winden und um jeden Preis vermeiden wollen zu zahlen, falls das Rad nicht wieder auftaucht, aber rechtlich bist Du auf der sicheren Seite, wenn Du alle Unterlagen hast.

Ein Glück, dass deinem Auge nichts passiert. gute Besserung.

Anonym hat gesagt…

Rafa, du Unglückselige! So ein Pech aber auch! Gute Besserung und baldiges Erwachen!

Soll ich dir ein gutes Buch empfehlen?

"die Seele der Raben" von Bernd Heinrich.
(falls du Zeit und Interesse hast an diesen weisen Tieren)

Gute Besserung!
Arodk

yerlik@gmx.de hat gesagt…

Puh, Du siehst ja wirklich mitgenommen aus.
Gute und schnelle Besserung.