Nächste Tour: schon wieder Würzburg. Da war ich doch erst? Also die Stadt kenn ich jetzt schon, die schwarze Madonna hab ich auch schon besichtigt, zu shoppen hab ich momentan nix ... aber das Wetter war nun auch nicht schön, also hatte ich eh keinen Bock auf irgendwelche Sightseeings. Die letzten drei Wochen hatte es ordentlich Frost, die Wildcams auf der Ranch hatten einmal sogar nachts minus 19 Grad angezeigt, ich hatte schon langsam Angst um meine Streunerkätzchen, aber die sind alle durchgekommen. Ich hatte auch Angst um die Wasserflaschen, die im Naglfar lagen, drei davon hatte ich am Boden liegen lassen. Die waren auch noch immer komplett durchgefroren als ich nun los fuhr, allerdings nicht geplatzt, waren ja Plastikflaschen. Hätt eine böse Sauerei geben können
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Die Panikmedien im Internet waren voll von katastrophalen Wettermeldungen. Da es nun wieder milder geworden war, würde es regnen, und der Regen kann auf der noch durchgefrorenen Straße schnell zu Blitzeis werden (hab ich das nicht schon vor 45 Jahren in der Fahrschule gelernt?). Dazu sollte es zu schweren Sturmböen kommen, also es könnte einen von der Straße blasen. Dazu gezeigt wurden Bilder von umgestürzten LKWs im Straßengraben und eingeschneiten Autos auf der Autobahn (wenn man genau hinschaute, eh, diese Autos waren doch Baujahr 70er-Jahre, das Bild ist doch von 1978?!). Es wurde daher geraten, die Häuser nicht zu verlassen (!), möglichst nicht mal in die Arbeit zu gehen, na klar, am besten geb ich mir die Kugel, dann kann mir gar nichts mehr passieren, oder was?
Das wirkt aber, diese ganze Panik.
Ich war richtig ein bisschen verunsichert.
Drum fuhr ich so schnell wie möglich los, gleich nach der Arbeit um 14 Uhr, um nicht abends in den Temperatursturz zu kommen. Nicht nur ich war verunsichert, sondern auch der Norman, der mich auf WhatsApp nach der Lage vor Ort fragte. Er wollte erst spät in der Nacht los fahren und machte sich Sorgen.
Auf der Fahrt war gar nix. Weder zu Fuß noch mit irgendeinem Auto bin ich gerutscht. Es war kein Stau, es war kein Unfall, nur einmal hat's in der 80er-Zone geblitzt, aber nicht bei mir, sondern bei dem, der mich grad überholte
. 20 km vor Würzburg war eine Wetterfront, da fings an zu regnen, aber auch nicht schlimm. Zwei kleine Windstößchen trafen das Naglfar ganz zaghaft, grad so, dass man es überhaupt merkte.
Die größte Herausforderung unserer Zeit ist wohl, mit diesen ganzen hysterischen Katastrophenmeldungen umzugehen
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Ohne jegliche Zwischenfälle kam ich an der Friedensbrücke an. Der Parkplatz war sehr leer, hatten sich wohl viele andere gar nicht fahren trauen? Ich stöpselte mich gleich an die Stromsäule, die Heizung lief
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Da stand ich nun sogar das erste Mal an der Mainseite, noch jede Menge Parkplätze waren da frei. Das wär ja alles so schön und romantisch gewesen, wenn es Sommer wäre. Ja, ich hab schon wieder meine Winterdepression
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Um 19 Uhr war Einlass, so gegen 17 Uhr lief ich dann los. Es nieselte leicht, aber nirgendwo war es glatt. Ich lief durch die Stadt zum Bahnhof. Die letzten Male war ich nicht dazu gekommen, aber heute wollte ich endlich mal wieder zu diesem Asiaten im Bahnhof gehen, der war immer früher sowas von lecker.
Vor dem Bahnhof traf ich schon gleich des Torstens Töchter. Torsten war nicht dabei, ich erfuhr, dass er an diesem Wochenende arbeiten musste. Ach, der arme Lokomotivführer, tsch tsch tsch, hätt er halt was Gescheites gelernt
. Gleich schickte ich ihm mehrere WhatsApps mit Beileidsbekundungen
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Ich weiß nicht, haben die den Pächter gewechselt? An der Theke bediente eine fürchterlich unfreundliche Frau, offenbar die Chefin. Keiner von den ganzen Chinesen traute sich irgendwas sagen, alle arbeiteten emsig, und die Frau herrschte die Leute an, Kunden sowie Angestellte. An einem Tisch saß anscheinend ihre Tochter mit zwei Kindern beim Essen, ein kleiner Bub, vielleicht grad mal drei Jahre alt. Den herrschte die Frau dann derartig an, der Obergeneral in der Armee macht es nicht erniedrigender. Sie sah den kleinen Buben so streng von oben herab an, dann wieder keifte sie ein paar Worte (ich hab's ja nicht verstanden), bis der endlich die Fassung verlor und laut weinte. Er tat mir richtig Leid, und das heißt was, wenn mir mal ein Kind Leid tut, denn ich kann Kinder normalerweise nicht leiden und blägende schon gar nicht. Ich musste mich echt beherrschen, jetzt nicht aufzustehen und dieser Keifzange die Meinung zu geigen.
Das Essen war auch nimmer sonderlich gut, ich geh da in Zukunft nimmer rein
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Ich ging mal rüber in die Posthalle. Es regnete jetzt doch ganz schön. Eine kleine Schlange stand am Eingang, ich stellte mich an und musste mich vollregnen lassen. Endlich war ich drin. Es gab nicht einmal Stoff-Festivalbändchen, nur so billige aus Papier
. Natürlich gab's auch keine Festival-Becher, sondern nur so ganz windige Plastikbecher. Dafür war das Bier gescheit teuer: "6,80 € mit Pfand" hörte sich echt nicht gut an
. Das Pfand waren 2 €, also lag das Bier noch unter 5 €, aber das ist schon langsam echt happig, find ich. Vielleicht sollte ich mir mal überlegen, was ich sonst so machen könnte, außer auf Festivals zu fahren, weil das wird mir jetzt langsam echt zu teuer
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Es spielten zuerst Boötes Void. Die kannte ich schon, sonst hätt ich fast gar nicht gewusst, wer hier spielt. Nicht mal eine Running-order hing irgendwo, also das Ganze kam mir jetzt doch etwas lieblos aufgerissen vor.
Dann kam eine Band, die kannte ich noch nicht: Firtan.
Mich faszinierte das Geiger-Divers, da. Zuerst dachte ich: "Oh, die hat aber eine super Figur!" Es war ganz schlank, schon fast mager, richtig schön, mir gefällt das. Aber dann fiel mir auf, dass es nicht nur kaum Möpse hatte, sondern auch sehr sehnige, relativ muskulöse Arme. Das war doch schon wieder ein Kerl, oder? Ich ging auf die andere Seite der Bühne und guckte mir das Divers von links aus an. Die ganzen Bewegungen, sehr männlich, wie es moshte, wie es lief, so bewegen sich Männer … aber es hatte echt kleine Füße! Nein, es war doch ein Mädchen! Boah, die war ja zum Verknallen süß
!
Was ist denn eigentlich mit mir? Bin ich überhaupt eine Frau? Der Ralf und ich haben ja neulich beim Saufgelage festgestellt - also besser, der Ralf hat es festgestellt - dass ich anscheinend "non-binär" bin.
Aha
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Ich war schon immer der große Sexmuffel, steh nicht besonders auf Männer, bin aber auch nicht lesbisch, hatte zwar manchmal Tussi-Benehmen drauf, aber bloß, weil ich bei Männern Likes sammeln wollte, und ansonsten hat mich das ganze Geschlechterleben nie übermäßig interessiert.
Naja, dann bin ich halt "non-binär", so lange ich nicht "woke" bin, geht's ja noch
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Ich himmelte das Geiger-Mädel an. Nur wegen der hab ich mir dann eine CD von Firtan gekauft.
Torsten wurde schwer vermisst. Seine Mädels, der Finn, der Malte, oder wie die Jungs alle heißen ... legten vor der Bar eine Gedenkminute für ihn ein
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Die nächste Band, Karg, war mir dann schon wieder zu stoner. Was ist denn da los in der Posthalle? Oder wendet sich das Metal-Blatt mal wieder hin zu mehr Melodie?
Ich wurde gar nicht müd. Sonst haut's mich doch immer um halbelf schon um? Aber diesmal erlebte ich den Headliner - Ellende. Ellende spielte sogar noch zwei Zugaben, und ich hörte sie mir bis zum Ende an. Die seh ich doch heuer eh noch ein paar Mal, auf dem Ragnarök sind sie, glaub ich, und auf dem Wolfszeit. Aber jetzt waren sie erst mal hier auf dem Baphofest. Sie spielten mitunter auch sehr melodische Songs, zumindest lange, melodische Intros. Na, solange man noch drauf moshen kann, passt es schon.
Nach dem Konzert machte ich mich auf und lief zum Stellplatz. Es war gar nicht kalt, also wenigstens relativ nicht kalt. Da stand des Normans Wohnmobil unter der Friedensbrücke. Der ist also trotz wetterbedingtem Weltuntergang auch angekommen, offenbar ohne Probleme. Ob ich dem Norman heute sagen soll, dass man von der Brücke oben direkt in sein Klo gucken kann? 



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